Drei Jahre später: Der 7. Oktober ist nicht vorbei

Drei Jahre später: Der 7. Oktober ist nicht vorbei

Zum ersten Mal seit dem Massaker beginnt dieser 7. Oktober, ohne dass noch eine israelische Geisel in Gaza festgehalten wird. Es könnte sich wie ein Ende anfühlen. Doch für Israel sind 1.200 Ermordete, 251 Verschleppte und jener Morgen um 6.29 Uhr keine abgeschlossene Geschichte.

Um 6.29 Uhr begann vor drei Jahren der Raketenalarm.

Für viele Menschen im Süden Israels war das zunächst nichts vollkommen Unbekanntes. Raketen aus Gaza, Sirenen, der Weg in den Schutzraum. Dinge, mit denen man gelernt hatte zu leben. Niemand konnte in diesen ersten Minuten wissen, dass gleichzeitig Terroristen die Grenze durchbrachen, Militärposten überrannten, in Kibbuzim eindrangen, Menschen auf Straßen erschossen und auf dem Nova-Festival Jagd auf junge Männer und Frauen machten.

Am Abend war Israel ein anderes Land.

Etwa 1.200 Menschen waren ermordet worden. 251 Menschen wurden nach Gaza verschleppt. Kinder, Frauen, Männer, Alte, Soldaten, ausländische Arbeiter. Menschen wurden aus ihren Häusern geholt, aus Autos gezerrt, von einem Musikfestival verschleppt. Andere verbrannten in ihren Häusern oder wurden dort ermordet, wo sie geglaubt hatten, sicher zu sein.

Heute ist der 7. Oktober 2026.

Drei Jahre sind vergangen.

Zum ersten Mal seit jenem Morgen befindet sich keine israelische Geisel mehr in Gaza. Am 26. Januar wurde Ran Gvili nach 843 Tagen nach Israel zurückgebracht. Er war am 7. Oktober gefallen, als er als Polizist anderen zu Hilfe eilte. Sein Leichnam war nach Gaza verschleppt worden. Mit seiner Rückkehr endete eines der grausamsten Kapitel dieses Krieges.

Aber der 7. Oktober endete damit nicht.

Ein Land kann seine Menschen zurückholen, aber nicht zu dem Morgen davor

Vielleicht ist genau das an diesem dritten Jahrestag so bedrückend.

Die Geiseln sind zurück. Einige lebend, andere nur noch, damit ihre Familien sie begraben konnten. Die gelben Schleifen verschwanden langsam aus dem Alltag. Die Bilder der Entführten hängen nicht mehr an jedem Platz. Der unmittelbare Kampf darum, Menschen aus den Händen der Hamas zurückzubringen, ist beendet.

Was bleibt, ist das, wofür es keinen Austausch, keine Militäroperation und keinen politischen Vertrag gibt.

Eltern haben ihre Kinder nicht zurück. Kinder ihre Eltern nicht. Ehepartner schlafen seit drei Jahren allein. Überlebende tragen Erinnerungen mit sich, die nicht verschwinden, weil ein Kalenderblatt umgedreht wird. Menschen, die stundenlang in Schutzräumen warteten, hören noch immer Geräusche anders als zuvor. Andere wissen bis heute, warum sie überlebten, während der Mensch neben ihnen starb.

Und Israel selbst trägt eine Frage mit sich, die schwerer ist als jede politische Parole: Wie konnte das geschehen?

Die Verantwortung für das Massaker liegt bei Hamas und den anderen Terroristen, die an jenem Morgen nach Israel eindrangen. Daran gibt es nichts zu relativieren.

Aber Israel muss sich zugleich seiner eigenen Verantwortung stellen. Der Staat, dessen vielleicht tiefstes Versprechen darin besteht, dass Juden nie wieder schutzlos einem Massaker ausgeliefert sein sollen, konnte dieses Versprechen am 7. Oktober für viele Stunden nicht erfüllen.

Die IDF hat später selbst ausgesprochen, was an diesem Tag geschah: Sie versagte bei ihrer wichtigsten Aufgabe, dem Schutz der Bürger Israels.

Das gehört zum Gedenken dazu.

Erinnerung darf nicht nur aus Kerzen und Zeremonien bestehen. Sie muss auch die unbequemen Fragen bewahren. Welche Warnungen wurden übersehen? Welche Vorstellungen über Hamas erwiesen sich als falsch? Warum glaubte man, eine Terrororganisation, die Israels Vernichtung zu ihrem Ziel erklärt, lasse sich dauerhaft abschrecken und verwalten?

Wer der Ermordeten gedenkt, schuldet ihnen auch die Konsequenz, aus diesem Versagen zu lernen.

Die zweite Wunde kam danach

Der 7. Oktober hat Israel aber noch etwas anderes gezeigt.

Nicht nur, wie verletzlich seine Grenze war. Sondern wie schnell ein Teil der Welt bereit war, das jüdische Leid wieder aus dem Mittelpunkt zu schieben.

Noch während Familien nicht wussten, ob ihre Angehörigen tot, verschleppt oder irgendwo verletzt waren, wurde das Massaker relativiert. Terror wurde als Widerstand umgedeutet. Auf westlichen Straßen wurde gefeiert. Später verschwand der 7. Oktober in vielen Debatten beinahe vollständig hinter dem Krieg, den er ausgelöst hatte.

Natürlich darf über Israels Kriegsführung gesprochen werden. Entscheidungen einer Regierung und einer Armee sind nicht deshalb jeder Kritik entzogen, weil Israel angegriffen wurde.

Aber etwas anderes geschah ebenfalls: Von Israelis wurde zunehmend verlangt, über die Folgen des Krieges zu sprechen, während die Ursache nur noch als lästiger Vorsatz vorkam. Jüdische Opfer mussten erklären, warum ihre Toten überhaupt noch Teil der Geschichte sein sollten.

Das hat Spuren hinterlassen, weit über Israel hinaus.

Für viele Juden in Europa, Amerika und anderen Teilen der Welt war der 7. Oktober deshalb ein doppelter Schock. Zuerst sahen sie das größte Massaker an Juden seit der Schoah. Danach sahen sie, wie schnell Menschen bereit waren, darüber hinwegzugehen, es zu rechtfertigen oder diejenigen anzufeinden, die daran erinnerten.

Drei Jahre später hat Israel vieles erreicht, das an jenem Morgen kaum vorstellbar war. Alle Geiseln sind zurück. Führende Verantwortliche des Massakers wurden ausgeschaltet. Die militärischen Fähigkeiten der Hamas wurden schwer getroffen. Die regionalen Machtverhältnisse haben sich verändert.

Nichts davon macht den 7. Oktober ungeschehen.

Vielleicht braucht dieser Morgen deshalb keine großen Worte.

Um 6.29 Uhr kann man einfach für einen Moment daran denken, dass vor drei Jahren Menschen Kaffee kochten, Kinder noch schliefen, junge Leute tanzten und Familien glaubten, ein weiterer Feiertag habe begonnen.

Wenige Minuten später war ihre Welt zerstört.

Der 7. Oktober darf deshalb niemals nur zum historischen Datum werden. Nicht, weil Israel für immer in diesem Trauma leben soll. Sondern weil Erinnern bedeutet, den Ermordeten ihre Geschichte nicht nehmen zu lassen und den Lebenden die Verpflichtung zu hinterlassen, dass sich ein solcher Morgen nicht wiederholt.

Drei Jahre sind vergangen.

Für manche Menschen wahrscheinlich keine einzige Minute.

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