(Quelle Beitragsbild oben: Pixabay)
Zwei Brandsätze wurden nachts auf eine Baustelle vor Rohde & Schwarz geworfen. Zwei bulgarische Tatverdächtige wurden kurz darauf festgenommen, das LKA prüft einen politischen Hintergrund.
Mitten in der Nacht fliegen Brandsätze aus einem Auto auf das Gelände vor der Münchner Firmenzentrale von Rohde & Schwarz. Einer entzündet sich zwischen Baucontainern, ein zweiter versagt und muss später von Spezialisten entschärft werden. Wenig später nimmt die Polizei eine 28-jährige Frau und einen 38-jährigen Mann fest. Beide besitzen die bulgarische Staatsangehörigkeit. Noch ist nicht geklärt, was hinter der Tat steckt. Doch das Bayerische Landeskriminalamt behandelt den Vorfall nach Medienberichten als möglichen Anschlagsversuch und prüft ausdrücklich einen politischen Hintergrund.
Der Angriff ereignete sich in der Nacht zum Donnerstag im Münchner Stadtteil Berg am Laim. Gegen Mitternacht beobachtete ein Zeuge nach Angaben der Ermittler, wie aus einem Fahrzeug heraus Brandsätze auf eine Baustelle vor dem Hauptsitz des Technologiekonzerns geworfen wurden. Der Zeuge alarmierte sofort die Polizei. Eine eintreffende Streife konnte das entstandene Feuer schnell löschen. Verletzt wurde niemand, der Sachschaden blieb nach bisherigen Angaben gering.
Gefährlicher war, was die Beamten anschließend fanden: Ein weiterer Brandsatz war nicht explodiert beziehungsweise hatte nicht gezündet. Spezialkräfte des Bayerischen Landeskriminalamtes mussten den Gegenstand unschädlich machen. Der Bereich wurde dafür weiträumig abgesperrt.
Parallel lief eine Fahndung nach den Insassen des beobachteten Fahrzeugs. An einer Tankstelle am Innsbrucker Ring nahmen Polizeibeamte schließlich die beiden Verdächtigen fest. Ob sie tatsächlich für den Wurf der Brandsätze verantwortlich sind und welche Rollen ihnen gegebenenfalls zukamen, ist Gegenstand der Ermittlungen. Für beide gilt die Unschuldsvermutung. Über ein Motiv haben die Behörden bislang keine belastbaren Angaben gemacht.
Das mögliche Ziel ist sicherheitspolitisch hochsensibel
Rohde & Schwarz ist dabei kein gewöhnlicher Industriebetrieb. Das Münchner Familienunternehmen mit weltweit mehr als 15.000 Mitarbeitern ist zwar kein reiner Waffenhersteller, besitzt aber ein bedeutendes Geschäft mit Streitkräften, Sicherheitsbehörden und anderen staatlichen Kunden. Der Konzern entwickelt unter anderem abhör- und störsichere militärische Kommunikationssysteme, Technik zur elektronischen Aufklärung und elektronischen Kampfführung sowie Systeme zur Erkennung und Abwehr von Drohnen.
Erst im Mai präsentierte das Unternehmen bei einer NATO-Übung sein System ARDRONIS zur Erkennung und Bekämpfung feindlicher Drohnen. Rohde & Schwarz beschreibt sein Verteidigungsportfolio selbst als Technik für sichere Kommunikation, Aufklärung, elektronische Kampfführung und militärische Führungsfähigkeit. Das macht das Unternehmen zu einem wichtigen Bestandteil der deutschen und europäischen Sicherheitsindustrie.
Gerade deshalb ist die Frage nach dem Motiv der nächtlichen Brandattacke von erheblicher Bedeutung. Ein Angriff auf einen solchen Standort hätte eine andere sicherheitspolitische Dimension als gewöhnliche Sachbeschädigung. Noch wäre es jedoch unseriös, daraus bereits einen bestimmten extremistischen oder ausländischen Hintergrund abzuleiten.
Bislang gibt es weder ein bekanntes Bekennerschreiben noch eine öffentlich bestätigte Zuordnung der beiden Festgenommenen zu einer politischen Organisation. Auch Hinweise auf einen möglichen Auftraggeber sind bisher nicht bekannt geworden.
Das muss angesichts der derzeitigen Sicherheitslage ausdrücklich gesagt werden. Deutschland erlebt eine Reihe von Sabotage- und Spionagefällen, bei denen staatliche oder politische Hintergründe geprüft werden. Ein Zusammenhang mit der Münchner Tat ist jedoch nicht belegt.
Erst im Juli wurde in München ein 37 Jahre alter Moldauer festgenommen, der nach Angaben der Generalstaatsanwaltschaft mit einer Drohne sicherheitsrelevante Aufnahmen eines Rüstungsunternehmens angefertigt haben soll. Nach Medieninformationen handelte es sich um den Panzerhersteller KNDS. Die Ermittler prüfen dort den Verdacht, dass Aufnahmen an eine ausländische Stelle oder eine verbotene Vereinigung weitergegeben werden sollten.
Bereits im Frühjahr hatten deutsche Sicherheitsbehörden vor verstärkter Ausspähung der Rüstungsindustrie gewarnt. In einem anderen Verfahren wurden zwei Personen wegen des Verdachts festgenommen, einen bayerischen Drohnenhersteller im Auftrag eines russischen Geheimdienstes ausgespäht zu haben. Auch daraus lässt sich kein Zusammenhang zur jetzigen Brandattacke auf Rohde & Schwarz ableiten. Es zeigt lediglich, wie stark Unternehmen aus dem Verteidigungsbereich inzwischen im Blick von Sicherheitsbehörden stehen.
Hinzu kommen zwei nahezu zeitgleiche mutmaßliche Sabotageakte gegen Teile des deutschen Stromnetzes in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen. Auch dort laufen Ermittlungen. BILD stellt die zeitliche Nähe heraus, doch bislang gibt es keinerlei belastbaren Hinweis darauf, dass die Ereignisse miteinander verbunden sind.
Genau deshalb muss die Münchner Tat nüchtern, aber mit der nötigen Ernsthaftigkeit behandelt werden. Zwei Brandsätze wurden nach bisherigen Erkenntnissen gezielt auf eine Baustelle vor einem Unternehmen geworfen, das zentrale Technologien für Bundeswehr, NATO und Sicherheitsbehörden entwickelt. Einer davon brannte, der andere musste vom LKA entschärft werden. Zwei Verdächtige wurden unmittelbar nach der Tat aufgegriffen.
Das sind die gesicherten Eckpunkte.
Ob dahinter politischer Extremismus, Sabotage im Auftrag Dritter oder ein völlig anderer Hintergrund steckt, müssen die Ermittler jetzt klären. Gerade bei einem Unternehmen dieser Bedeutung darf die Öffentlichkeit schnelle Antworten verlangen – aber keine voreiligen Schuldzuweisungen.
Sollte sich ein politisch motivierter Anschlagsversuch bestätigen, wäre der Vorgang ein weiteres Warnsignal dafür, dass die deutsche Sicherheits- und Rüstungsindustrie nicht mehr nur im Ausland, sondern zunehmend auch an ihren Standorten im eigenen Land geschützt werden muss.

