(zum Beitragsbild oben: Symbolbild / KI)
1.384 antisemitische Beiträge binnen weniger Tage: Auf X werden Juden und Israel für die Ausschreitungen in Frankreich verantwortlich gemacht. Gleichzeitig erreicht ein erfundenes KI-Foto Millionen Menschen.
In Frankreich eskalieren Demonstrationen, Fahrzeuge brennen, Geschäfte werden geplündert und Polizisten angegriffen. Doch im Internet haben zahlreiche Nutzer die angeblich Verantwortlichen längst gefunden: die Juden. Nicht die tatsächlichen Gewalttäter sollen hinter dem Chaos stehen, sondern Israel, der Mossad oder angebliche jüdische Eliten. Eine aktuelle Untersuchung der Organisation Combat Antisemitism Movement (CAM) dokumentiert 1.384 entsprechende Beiträge auf der Plattform X innerhalb weniger Tage.
Die Forschungsabteilung der Organisation untersuchte Veröffentlichungen vom 16. bis 18. Oktober 2026. Die antisemitischen Beiträge stammten nach ihren Angaben von 816 unterschiedlichen Accounts. Neben Verschwörungserzählungen fanden die Forscher Aufrufe zu Gewalt, Vertreibung und sogar zur Vernichtung von Juden.
Der Anlass für die französischen Proteste hatte mit Israel nichts zu tun. Hunderttausende Menschen demonstrierten gegen steigende Lebenshaltungskosten, Probleme im Bildungssystem und politische Entscheidungen der französischen Regierung. Teile der Proteste mündeten in schwere Ausschreitungen.
Für antisemitische Agitatoren genügte dennoch die Nachricht von brennenden Straßen, um ein altbekanntes Feindbild zu verbreiten. Behauptet wurde unter anderem, der israelische Geheimdienst setze Frankreich in Brand. Andere erklärten die Unruhen zum Ergebnis einer angeblich von jüdischen Eliten geplanten Verschwörung.
Auch Frankreichs Präsident Emmanuel Macron wurde in die Erzählungen einbezogen. Nutzer konstruierten Verbindungen zur Bankiersfamilie Rothschild und griffen damit auf einen klassischen antisemitischen Mythos zurück: die angebliche geheime Steuerung von Politik, Wirtschaft und gesellschaftlichen Ereignissen durch Juden.
Für diese Behauptungen wurden keine belastbaren Beweise vorgelegt. Die tatsächlichen Ursachen der Proteste sind öffentlich bekannt.
Hass verbreitet sich mit Millionenreichweite
Nach Angaben von CAM beteiligten sich auch reichweitenstarke Accounts an der Verbreitung der Verschwörungserzählungen. Einige Beiträge erreichten Millionen Aufrufe. Besonders extreme Inhalte wurden demnach auch von kostenpflichtig verifizierten X-Profilen verbreitet.
Die Organisation kritisiert, dass soziale Netzwerke entsprechende Inhalte durch ihre Empfehlungsmechanismen weiter verbreiten könnten. Wie stark einzelne Beiträge tatsächlich durch den Algorithmus verstärkt wurden, lässt sich anhand der bislang veröffentlichten Angaben nicht unabhängig feststellen.
Das Grundproblem ist jedoch deutlich: Antisemitische Erzählungen erreichen nicht mehr nur kleine extremistische Gruppen. Sie können innerhalb kürzester Zeit ein internationales Publikum erreichen und eine laufende Nachrichtenlage mit erfundenen Schuldzuweisungen überlagern.
CAM-Geschäftsführer Sacha Roytman bezeichnet die Entwicklung als wiederkehrendes Muster. Sobald eine größere Krise entsteht, tauchten Behauptungen auf, Juden oder Israel hätten diese verursacht.
Die Forschungsorganisation dokumentierte in den vergangenen Monaten ähnliche Reaktionen auf andere internationale Ereignisse. Auch dort seien klassische antisemitische Verschwörungsmythen an aktuelle Nachrichten angepasst worden.
Die jüngsten Beiträge kommen aus unterschiedlichen politischen Milieus. Während einige Nutzer Israel und den Mossad beschuldigen, greifen andere auf rechtsextreme Erzählungen über jüdische Finanzmacht oder einen angeblich gesteuerten Bevölkerungsaustausch zurück.
Diese unterschiedlichen Strömungen bedienen sich damit derselben Grundbehauptung: Hinter sichtbaren politischen Entwicklungen stehe eine verborgene jüdische Macht.
Besonders gefährlich wird eine solche Erzählung, wenn aus der behaupteten Verantwortung konkrete Gewaltforderungen entstehen. Wer Juden für eine nationale Krise verantwortlich macht, liefert zugleich eine vermeintliche Rechtfertigung dafür, sie anzugreifen.
Die Verantwortung für brennende Fahrzeuge, Plünderungen und Gewalt gegen Polizisten liegt bei den jeweiligen Tätern. Sie lässt sich nicht durch antisemitische Verschwörungsbehauptungen auf eine Religionsgemeinschaft übertragen.
Ein erfundener Überfall wird zum viralen Beweis
Parallel zu den antisemitischen Beiträgen verbreitete sich ein weiteres Beispiel für die Manipulation der öffentlichen Wahrnehmung.
Ein Bild zeigte angeblich ein älteres Paar, das während der französischen Ausschreitungen ausgeraubt und bis auf die Unterwäsche entkleidet worden sei. Die Aufnahme verbreitete sich millionenfach auf X. Auch politisch einflussreiche Nutzer und einzelne Medienvertreter teilten sie als vermeintlich authentische Dokumentation.
Doch das Bild war keine echte Aufnahme des behaupteten Geschehens.
Recherchen französischer Faktenprüfer und Untersuchungen mit digitalen Erkennungswerkzeugen ergaben Hinweise auf künstliche Bilderzeugung. In den verbreiteten Versionen fanden sich entsprechende digitale Wasserzeichen. Hinzu kamen auffällige Fehler bei Körperteilen und Personen im Hintergrund.
Die Aufnahme konnte deshalb nicht als Beleg für den behaupteten Überfall dienen. Ob ein vergleichbarer Vorfall unabhängig von dem falschen Bild tatsächlich stattgefunden hat, ist damit nicht geklärt.
Der Vorgang zeigt, wie schnell eine emotional aufgeladene Darstellung die öffentliche Debatte beeinflussen kann. Ein angebliches Foto erzeugt Empörung, wird millionenfach verbreitet und erreicht sein Publikum lange, bevor die Echtheit überprüft wurde.
Die tatsächlichen Ausschreitungen in Frankreich sind schwerwiegend genug. Sie benötigen keine künstlich erzeugten Opferbilder, um ihre Gewalt sichtbar zu machen.
Gerade deshalb ist die Überprüfung von Bildmaterial entscheidend. Wer eine erfundene Aufnahme als Beweis verwendet, beschädigt die Glaubwürdigkeit berechtigter Kritik und ermöglicht neue Manipulationen.
Bei den antisemitischen Verschwörungserzählungen funktioniert ein ähnlicher Mechanismus. Eine tatsächliche Krise liefert den Anlass, anschließend wird eine unbelegte Erklärung verbreitet, die bestehende Vorurteile bestätigt.
Das Ergebnis ist eine öffentliche Debatte, in der nicht mehr überprüfbare Vorgänge, sondern emotional wirksame Behauptungen die Aufmerksamkeit bestimmen.
Für jüdische Menschen sind solche Erzählungen keine harmlose Begleiterscheinung der sozialen Medien. Die Behauptung jüdischer Verantwortung für nationale Krisen hat eine lange Geschichte. Sie diente immer wieder dazu, Ausgrenzung, Verfolgung und Gewalt zu rechtfertigen.
Frankreichs aktuelle Krise ist politisch und gesellschaftlich komplex. Ihre Ursachen liegen unter anderem in wirtschaftlichen Belastungen, Unzufriedenheit mit staatlichen Institutionen und der Eskalation von Protesten.
Weder jüdische Gemeinden noch Israel tragen allein deshalb Verantwortung, weil antisemitische Nutzer sie zum Feindbild erklären.
Die Untersuchung von CAM zeigt, wie schnell dieses alte Muster erneut aktiviert wird. Kaum brennen in Frankreich die ersten Fahrzeuge, erscheinen im Internet Behauptungen über den Mossad und jüdische Verschwörer.
Aus einer realen Krise wird so ein Vorwand für antisemitische Hetze. Genau deshalb müssen die Behauptungen öffentlich widerlegt, Gewaltaufrufe verfolgt und die Plattformen an ihren eigenen Regeln gegen Hass und Bedrohungen gemessen werden.

