Buchbesprechung: Andreas Laue & Werner Betz: Diatlow? Aufklärung der unheimlichen Begebenheit

  • von Roland M. Horn

Cover: Andreas Laue & Werner Betz: Djatlow? Aufklärung einer unheimlichen Begebenheit

In der Nacht vom 1. auf den 2. Februar Jahr 1959 starben neun Skiwanderer auf im nördlichen Ural in der damaligen Sowjetunion im Gebiet zwischen der Republik Komi und der Oblast Swerdlowsk unter ungeklärten Umständen. Der Gebirgspass, an dem das Unglück geschah, wurde später – nach dem Gruppenführer Igor Djatlow ‘Djatlow-Pass’ benannt. Die merkwürdigen Umstände regten zu Spekulationen an. Untersuchungen der Todesfälle kamen nämlich zu dem Ergebnis, dass die Wanderer wahrscheinlich ihr Zelt von innen aufschlitzten und es barfuß und nur leicht bekleidet verließen. Die Leichen zeigten z. T. Anzeichen eines Kampfes: Zwei Opfer wiesen Schädelbrüche, zwei gebrochene Rippen und innere Verletzungen auf.

60 Jahre später rollten die Autoren Andreas Laue und Werner Betz den Fall neu auf und recherchierten das Ereignis vollkommen neu. Reales Erinnerungsmaterial wie Augenzeugenberichte und amtliche Dokumente bildeten das Grundgerüst für einen Tatsachenkrimi. Die Recherchen der Autoren ergaben, dass es sich weder um ein Verbrechen noch um eine Spionageaffäre handelt, sondern dass die Wahrheit noch viel spannender und abenteuerlicher ist.

Involviert in die Geschichte ist der KGB, und schnell wird klar, dass es sich bei der Tätigkeit der im Buch vorkommenden KGB-Agenten um die Aufklärung irgendwelcher “immer noch rätselhaften Phänomene” im nördlichen Ural handelt, was im sowjetischen Weltbild eigentlich keinen Platz hat, doch in einem Dialog wird betont, dass es sich nicht um Phantasie handelt. Da ist die Rede von nächtlichen Lichtern, die Experten auf Nordlichter, Kugelblitze, besondere Wolkenkonstellationen und andere mögliche physikalischen und optische Ursachen und Phänomene geprüft hatten, doch alles passte nicht. Die sich unterhaltenden Protagonisten kamen sogar auf die Frage nach “Extraterrestrischen Besuchern” zu sprechen.

Ständig fallen in den Gesprächen Floskeln wie “Helden des Vaterlandes”, “sozialistisches Vaterland” und “Gute Kommunisten” ins Auge, doch gleichzeitig wird erklärt, dass nicht die Sowjets, sondern die Amerikaner “die Initiative zu Sondierungen und ersten Gesprächen” mit Fremden ergriffen hätten. Zugegeben wird also (selbstverständlich intern und unter dem Mantel der Verschwiegenheit), dass es bereits Kontakte zur “fremden, uns bedrohenden Macht” gab. Diese Kontakte wurden von den Fremden hergestellt, die sich nicht nur an die Sowjetunion, sondern auch an die USA gewandt haben – nicht ohne dass deren ehemaliger Präsident Eisenhower von den KGB-Agenten als “elender Kriegstreiber” verunglimpft wird. Die fremden “Kräfte” sollen ihren Willen bekundet haben, einige Tiere aber auch Menschen zu entführen, und an ihnen Experimente vorzunehmen, sich aber auf “wenige Exemplare jeder Art” zu beschränken. In Anbetracht der Schwäche den fremden Gegenüber gab man diesen freie Hand. Die fremden Mächte schienen aber immer mehr zuzuschlagen, als ihnen ursprünglich zugestanden wurde.

Auch die im späteren Unglücksgebiete lebenden Mansen – ein finno-ugrisches Volk – weiß “schon seit vielen Jahren, ja Jahrhunderten” – Merkwürdiges zu berichten. Da ist die Rede von Fremden, die “ebenso plötzlich verschwunden wie sie gekommen sind”, von der Entführungen und Verstümmelungen von Jägern und Fischern, die zuweilen tödlich endeten, der Tötung von Tieren und – dem Erscheinen von leuchtenden Feuerbällen am Himmel.

Letztlich hatte die sorgfältig zusammengestellte KGB-Truppe die Aufgabe, sich den Wanderern anzuschließen.

Später wird auch die Sichtung eines Yeti-ähnlichen Wesens geschildert, und ein Foto wird abgebildet. Folglich ist diese Episode keine Ausschmückung, sondern wirklich geschehen. Während der Entwicklung zum Unglück hin werden “Verfolger” und “eine Gestalt” beobachtet. Später wurde eine “Lichtquelle” gesehen, die in der Nacht vom 1. auf den 2. Februar über dem Boden schwebte und das Zelt der späteren Unglücksopfer ausleuchtete. Es wurde zur Flucht aufgerufen. Dann begann die eigentliche Katastrophe: Im Zelt wurde es warm wie in der Sauna und außerhalb des Zeltes sahen die Wanderer eine große helle Kugel mit einem Durchmesser von vielleicht zehn bis fünfzehn Metern Größe. Es entstand ein Durcheinander. Die Unglücksopfer flüchteten.

Die Verursacher des Unglücks waren dem Buch zufolge seltsame Gestalten, die in einer leuchtenden Kugel von fünfzehn Meter Durchmesser kamen. Sie sahen menschenähnlich aus, doch es gab Unterschiede. Die Gestalten zogen Wanderer in ihr Fluggerät, um später deren leblose Körper in den Schnee zu werfen, wie die KGB-Agenten, die den Vorfall beobachteten, berichten. Die Leichen wurden später von den KGB-Leuten so zugerichtet, als seien sie einem Raubüberfall zum Opfer gefallen.

Die Autoren waren sichtlich bemüht, so nahe wie möglich an den ihnen vorliegenden Dokumenten zu bleiben, trotzdem ist nicht immer klar ersichtlich, an welchen Stellen nur die Auswertung der Dokumente umgesetzt ist und wo man es mit fiktionalen Ausschmückungen zu tun hat. Bei der Aufarbeitung des Materials als “Tatsachen-Krimi” wird man wohl auch kaum darum herum kommen, eben durch Ausschmückungen den Roman spannend zu halten. Möglicherweise sind auch Elemente eingeflossen, die nicht aus den Dokumenten stammen, sondern geeignet sind, der Theorie der Autoren mehr Gewicht zu verleihen.

Letztlich präsentieren Betz und Laue eine, wie sie selbst schreiben, spektakuläre Lösung, die nicht ganz undenkbar ist und möglicherweise der Wahrheit nahekommt, die Frage aber, ob sie aber tatsächlich die Lösung ist, muss offen bleiben.

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