Buchbesprechung: Luc Bürgin: Neues aus Absurdistan

* von Roland M. Horn

https://images-na.ssl-images-amazon.com/images/I/51wBrEjo3fL._SX318_BO1,204,203,200_.jpgLuc Bürgin:

Neues aus Absurdistan

Sind wir noch zu retten?

Kopp, Rottenburg, Mai 2020
ISBN: 978-3-86445-744-9
Preis: EUR 12,99
Gebunden, 151 Seiten

„März 2020: Der Tag, an dem die halbe Welt stillstand. Der Tag, an dem ich dieses Manuskript dem Verlag abliefern musste. Der Tag, ab dem unser Leben plötzlich kopfstand. Und der Tag, an dem mir endgültig klar wurde, dass uns keine noch so luxuriöse Gesichtsmaske je vor der Mikrobe der menschlichen Dummheit schützen wird.

‚Wenn ich mir die weltweite Coronavirus-Panik angucke, verstehe ich endlich, warum unsere Regierungen Informationen über Ufos oder Außerirdische verheimlichen‘, mailte mir eine liebe Freundin, als vielen Supermärkten wegen Hamsterkäufen nicht etwa die Grundnahrungsmittel ausgingen – sondern das Toilettenpapier’! Und die trotz kostenloser Papierflut. Im Briefkasten. Hand auf’s Herz – und bei allem Respekt: Wie fortschrittlich ist eine Gesellschaft, die in Krisenzeiten zuallererst darüber aufgeklärt werden muss, wie man sich effizient die Hände wäscht?“,

schreibt Luc Bürgin auf s. 149 in „Nachtrag und Danksagung“. Ja, irgendwie ist es schade, dass Bürgins Manuskript schon zu Beginn der „Coronakrise“ abgegeben werden musste – andererseits aber wäre es bei späterer Fertigstellung vermutlich mindestens doppelt so lang ausgefallen, oder bestimmte Absurditäten hätten herausgenommen werden müssen. So sehen wir aber, dass es schon vor Corona genug Absurditäten auf diesem Planeten gibt, so dass der Titel vollauf gerechtfertigt ist. Mit spitzer Zunge führt Bürgin uns die Welt der Absurditäten ein.

Ist es nicht absurd, dass die Schweiz 2018 über 500 Millionen Franken an Entwicklungshilfe nach Ruanda pumpte, während der englischen Fußballverein Arsenal London das genannte afrikanische Land gleichzeitig mit 35 Millionen Euro pro Jahr sponserte? Oder, dass im gleichen Jahr chinesische Produktionsfirmen westliche Blutdruckmedikamente mit krebserregenden Zusatzstoffen verseuchten, ohne den jeweiligen Patienten vor seinem Ableben mit einem Glückskeks zu entschädigen, wie Bürgin in typischer Manier hinzufügt? Dass Liebeshungrige in Schweden gemäß Staatsdiktat vor sexuellen Höhenflügen neuerdings ihren ausdrücklichen Willen zum Akt befunden müssen, „ehe sie juristisch konform schnackseln dürfen?“ Und dass die Paparazzi von Google Street View es mit dem Datenschutz derart genau nehmen, dass im englischen Cambridge sogar die Köpfe von Kühen verpixelt werden?

„Hilfe, unser Wald stirbt: In 10 Jahren gibt es keinen einzigen Baum mehr!“, lernte Bürgin in den 1980er Jahren im Gymnasium und erhielt für das stupide Abschreiben aus WWF-Broschüren damals Bestnoten. – Und unsere Wälder blühen zur Stunde immer noch. Heute demonstriert man mit Smartphone am Ohr, Cola-Dose oder Fastfood-Burger in der Hand und edlen Markenklamotten aus billigster Kinderproduktion am Leib gegen den Klimawandel, während es gegen den Intelligenznotstand noch keine Demos gibt.

Auch das deutsche Telefonbuch weist einige Absurditäten auf: Da wohnt in Wismar ein Herr Hitler, während im Telefonbuch Bergisch-Gladbach der Name „Stalin“ aufgeführt ist. In Bad Freienwald agiert ein „Abschleppdienst Norbert Schwanz“, während in Gifhorn ein Chirurg namens Dr. Grausam operiert. Weiter sind in Deutschland Steuerberater namens „Geldmacher“ verzeichnet, während der Sanitäter Michael Nothdurft, das Bettenfachgeschäft Ficker, die Bäckerei Kotz und die Fahrschule Folter in Deutschland aktiv sind; von der Totengräber-Firma „Geile Bestattungen“ und dem Urologen Uwe Sackmann ganz zu schweigen. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Menschen mit den Nachnamen Judenfeind oder gar Neger. Ist es nicht rassistisch, wenn das „Neger Beerdigungsinstitut“ in Leimen zu Werke geht?

Am allerheiligsten Feiertag der Christenheit, dem Karfreitag, ist nicht nur Monty Pythons Klassiker „Das Leben de Brain“ verboten, sondern auch beispielsweise „Quax, der Bruchpilot” mit Heinz Rühmann, „Piefke, der Schrecken der Kompanie“ mit Harald Juhnke, „Die Abenteuer des Rabbi Jacob“ mit Louis de Funès, „Banana Joe“ mit Bud Spencer und sogar der Trickfilm „Heidi in den Bergen” von 1975, „weil selbst in diesem Fall eine Verletzung des religiösen oder sittlichen Empfindens zu befürchten sei“.

Selbst die deutsche Nationalhymne wird von den Absurditäten nicht verschont. Im Gender-Wahn soll „Vaterland“ durch „Heimatland“ und „brüderlich“ durch “couragiert” ersetzt werden, wie die Gleichstellungsbeauftragte des Bundesfamilienministeriums im März 2018 forderte.

Doch es wird noch schlimmer mit den Kuriositäten: So ist zwar das Radfahren auf Helgoland grundsätzlich verboten, das Parken im Haltverbot für Blinde jedoch erlaubt. Eine Sorte Bionüsse aus Asien enthält die Aufschrift: „Achtung, kann Spuren von Nüssen enthalten!“ Wikipedia, das wohl meistgelesene Lexikon der Welt enthält „etwa in einem verunglückten Artikel zum Suchbegriff ‘Chiemsee-Sessel’“ ein Zitat aus einem DTV-Buch von 2011, das freilich nie erschienen ist…

Interessant auch so manche Wendung im Bürgerlichen Gesetzbuch, das fachgerecht erklärt: „Mutter eines Kindes ist die Frau, die es geboren hat.“ Oder: „Tiere sind keine Sachen. […] Auf sie sind die für Sachen geltenden Vorschriften entsprechend anzuwenden…“

Das ist nur eine kurze Auswahl der Kuriositäten-Sammlung aus Luc Bürgins Buch. Lach- wie Tränenausbrüche sind wie Momente des Entsetzens beim Lesen dieses Werkes garantiert. Unbedingt kaufen!

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Buchbesprechung: Vera Lengsfeld: “Was noch gesagt werden muss”

* von Roland M. Horn

Vera Lengsfeld:

„Was noch gesagt werden muss…“

Meine Kommentare 2019

BOD Norderstedt 2020
ISBN: 978-3-750452-62-6
Preis: EUR 19,89
Pb, 256 Seiten

Die Ex-DDR-Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld, betreibt einen Blog, den man gelesen haben muss. Ihre kritische Einstellung gegenüber der Obrigkeit hat sie auch in der BRD nicht aufgegeben, und so finden sich auf ihrem Blog zahlreiche lesenswerte Beiträge, die dem Leser die Augen offenstehen lassen. Nun ist es im Nachhinein Recht mühselig, alle Blogbeiträge nachträglich aufzurufen, und so ist die Idee, aus ihren Blogbeiträgen aus dem Jahr 1919 ein Buch zu machen, hervorragend gewählt, um dem interessierten Leser zu ermöglichen, sie an einem Stück zu lesen.

Zum Inhalt ist zu sagen, dass die Autorin etliche Ungeheuerlichkeiten aufdeckt. So stellt sie mit absoluter Berechtigung beispielsweise fest, dass ausgerechnet eine Partei, die sich bei ihrer Gründung „Umweltschutz“ auf die Fahnen geschrieben hat, sich für Windräder einsetzt, die Vögel und Insekten geradezu schreddern und für deren Errichtung oft große Waldflächen weichen müssen. Und – als ob es Satire wäre – sagt die Grünen-Politikerin Katrin Göring Eckardt: „Wir wollen, dass in den nächsten vier Jahren jede Biene und jeder Schmetterling und jeder Vogel in diesem Land weiß: Wir werden uns weiter für sie einsetzen.“ (S. 80)

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