Irans Regimepresse erklärt Proteste zum ausländischen Komplott

Während steigende Preise und der Wertverlust der Währung viele Menschen im Iran auf die Straße treiben, reagieren regimenahe Medien mit einem altbekannten Muster. Israel und die USA werden verantwortlich gemacht, die Proteste selbst kleingeredet.

Die wirtschaftlichen Proteste im Iran werden von der regimetreuen Presse systematisch umgedeutet. Zeitungen, die dem Machtapparat in Teheran nahestehen, stellen die Demonstrationen nicht als Ausdruck sozialer Not dar, sondern als gesteuerten Versuch ausländischer Akteure, Unruhe zu stiften. Die reale Ursache der Proteste tritt dabei bewusst in den Hintergrund.

Besonders deutlich zeigt sich diese Linie in der Berichterstattung der Zeitung Kayhan, die als eines der wichtigsten Sprachrohre des Establishments gilt. Dort ist von einem gescheiterten Chaosprojekt die Rede. Die Bevölkerung habe angeblich israelische und amerikanische Marionetten zurückgewiesen. Proteste erscheinen in dieser Darstellung nicht als gesellschaftliches Warnsignal, sondern als feindliche Operation, die ins Leere gelaufen sei.

Zwar räumt Kayhan ein, dass Inflation und Währungsschwankungen wirtschaftlichen Druck erzeugen. Doch dieser Hinweis bleibt taktisch. Die Demonstrationen werden als klein, begrenzt und unpolitisch beschrieben. Insbesondere Versammlungen rund um den Basar von Teheran werden als kurzfristige Reaktion auf wirtschaftliche Unsicherheit dargestellt, nicht als Ausdruck struktureller Unzufriedenheit. Von einer breiteren Bewegung ist nach dieser Lesart keine Rede.

Stattdessen wird ein mehrstufiges Szenario konstruiert. Ausländische Akteure hätten versucht, wirtschaftliche Forderungen gezielt in Unruhe und Instabilität zu verwandeln. Der Basar gilt dabei als historisches Symbol, das bewusst instrumentalisiert worden sei. Dass es nicht zu einer landesweiten Eskalation kam, wird als Beweis für politische Reife und Loyalität der Bevölkerung gewertet.

Die Wortwahl ist scharf und eindeutig. Israel und die USA erscheinen nicht als politische Gegner, sondern als Strippenzieher. Begriffe wie Marionetten, fremdgesteuert oder zionistische Medien prägen die Berichte. Die iranische Gesellschaft wird zugleich als leidensfähig und wachsam beschrieben. Sie ertrage wirtschaftliche Härten, lasse sich aber nicht täuschen.

Ein ähnliches Narrativ verfolgt die konservative Zeitung Vatan-e Emrooz. Auch dort werden Exilopposition und ausländische Unterstützer beschuldigt, aus begrenzten Protesten eine künstliche Krise machen zu wollen. Besonders Social Media wird als Werkzeug externer Einflussnahme dargestellt. Westliche und israelische Accounts hätten gezielt Bilder und Videos verbreitet, um den Eindruck einer landesweiten Erhebung zu erzeugen.

Auffällig ist, dass diese Medien weniger über die Inhalte der Forderungen berichten als über deren angebliche Urheber. Wer demonstriert, wird nicht als Bürger mit berechtigten Anliegen gesehen, sondern als potenzielles Werkzeug fremder Interessen. Die wirtschaftliche Realität bleibt Randnotiz.

Einen etwas anderen Ton schlägt die Zeitung Jomhuri-ye Eslami an. Sie warnt davor, jede Protestbewegung pauschal als Chaos zu diffamieren. Die Demonstrationen seien ein Zeichen dafür, dass die Sorgen der Bevölkerung zu spät ernst genommen worden seien. Hätte die Regierung früher reagiert, wären Versammlungen auf der Straße vermeidbar gewesen. Gleichzeitig bleibt auch hier die Systemfrage ausgeklammert. Kritisiert werden einzelne Verantwortliche, nicht die politische Struktur.

Was alle drei Medien eint, ist das konsequente Weglassen zentraler Aspekte. Korruption, wirtschaftlicher Einfluss der Revolutionsgarden, strukturelle Fehlsteuerung und internationale Isolation werden nicht thematisiert. Auch der Zusammenhang zwischen staatlicher Politik und wirtschaftlicher Misere bleibt unerwähnt. Stattdessen wird ein äußeres Feindbild gepflegt, das innere Kritik delegitimieren soll.

Israel nimmt in dieser Darstellung eine besondere Rolle ein. Es fungiert als Chiffre für äußere Bedrohung und als Erklärungsmuster für innere Spannungen. Diese Projektion ist seit Jahren fester Bestandteil der iranischen Staatsrhetorik. In Phasen wachsender sozialer Unruhe wird sie intensiviert.

Die Berichterstattung der Regimepresse zeigt damit weniger, was auf den Straßen des Iran geschieht, als vielmehr, wie groß die Angst vor Kontrollverlust ist. Wer Proteste reflexhaft als ausländisches Komplott beschreibt, vermeidet die Auseinandersetzung mit ihren Ursachen. Genau darin liegt die Funktion dieses Narrativs.

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