Seit einer Woche gehen Iranerinnen und Iraner auf die Straße. Nicht vereinzelt, nicht zögerlich, sondern mit einer Entschlossenheit, die selbst erfahrene Beobachter überrascht. In ihren Stimmen liegt Wut, aber auch Hoffnung. Und erstmals wird diese Hoffnung offen mit Israel und den Vereinigten Staaten verknüpft.
Seit sieben Tagen erlebt Iran eine neue Protestwelle. Sie unterscheidet sich von früheren Aufständen nicht durch ihre Größe, sondern durch ihre innere Dynamik. Viele derjenigen, die sprechen, betonen dasselbe Motiv. Die Angst, jahrzehntelang das wirksamste Instrument der Islamischen Republik, verliert ihre Macht. Menschen gehen auf die Straße, obwohl sie wissen, was ihnen droht.
Hussein, 48 Jahre alt aus Karadsch, spricht mit einer Klarheit, die im Iran selbst lebensgefährlich sein kann. Er beschreibt ein Land am Rand der Erschöpfung. Die wirtschaftliche Not, die politische Repression und das Gefühl völliger Aussichtslosigkeit hätten einen Punkt erreicht, an dem Rückzug keine Option mehr sei. Seine Worte richten sich nicht nur an die Machthaber, sondern ausdrücklich an Polizei und Sicherheitskräfte. Wer heute Befehle ausführe, müsse sich bewusst sein, dass ein Ende des Regimes auch eine Abrechnung nach sich ziehen könne.
Diese Sprache ist neu. Sie ist direkter, offener, weniger defensiv. Auch Dariush, ein 50-jähriger Bewohner Teherans, spricht von einem Wendepunkt. Zum ersten Mal seit Jahren, sagt er, hätten viele Menschen aufgehört, sich zu verstecken. Die Bereitschaft, das Risiko einzugehen, hänge eng mit äußeren Signalen zusammen. Die Unterstützung Israels und die Haltung der Vereinigten Staaten würden als Schutz wahrgenommen, zumindest als moralische Rückendeckung. Seine Bitte ist eindeutig. Er fordert Washington und Jerusalem auf, dem iranischen Volk zu helfen, damit Frieden nicht nur ein Schlagwort bleibt.
Diese Verbindung ist bemerkenswert. Jahrzehntelang hat das Regime jede positive Bezugnahme auf Israel kriminalisiert. Heute äußern Demonstranten offen die Hoffnung auf ein zukünftiges Verhältnis jenseits von Feindschaft. Für viele Iraner steht Israel nicht mehr für Propaganda, sondern für einen Gegenentwurf. Einen Staat, der sich behauptet, der nicht kapituliert, der seine Bürger schützt.
Auch jüngere Stimmen melden sich zu Wort. Arash, 30 Jahre alt aus Teheran, denkt strategischer. Er spricht von gezielten Maßnahmen gegen die militärische Infrastruktur des Regimes, insbesondere gegen Raketenprogramme. Seine Forderung geht über moralische Unterstützung hinaus. Er sieht eine Kombination aus amerikanischem Druck und israelischer Geheimdienstarbeit als möglichen Katalysator für einen inneren Umbruch. Diese Aussagen zeigen, wie weit sich der Diskurs verschoben hat. Was früher nur im Exil ausgesprochen wurde, wird nun im Land selbst artikuliert.
Beobachter warnen dennoch vor vorschnellen Schlüssen. Iran hat viele Proteste erlebt. Nicht jeder führte zu nachhaltigen Veränderungen. Doch diesmal gibt es Unterschiede. Der Direktor eines persischsprachigen Exilradios beschreibt eine neue Stimmung nach dem zwölftägigen Krieg zwischen Israel und Iran. Diese militärische Konfrontation habe das Bild der Unantastbarkeit des Regimes beschädigt. Die Menschen hätten gesehen, dass Macht nicht absolut ist. Dass auch dieses System verwundbar ist.
Hinzu kommt die internationale Lage. Die amerikanische Militäraktion in Venezuela und die deutlichen Worte von Donald Trump haben in Teheran Aufmerksamkeit erzeugt. Als Trump öffentlich erklärte, die USA würden eingreifen, sollte das Regime friedliche Demonstranten töten, wurde dies von vielen Iranern als Ermutigung verstanden. Nicht als leeres Versprechen, sondern als Warnung an die Machthaber.
Gleichzeitig bleibt die Realität brutal. Die Proteste sind geografisch verstreut, oft spontan, häufig schnell unterdrückt. Das Regime verfügt weiterhin über loyale Sicherheitskräfte, paramilitärische Einheiten und ein engmaschiges Überwachungsnetz. Dennoch ist etwas ins Rutschen geraten. Die Symbolik verändert sich. In sozialen Netzwerken kursieren Videos, teilweise künstlich erzeugt, die politische Fantasien abbilden. Sie mögen propagandistisch sein, doch sie zeigen, wie sehr sich die Vorstellungskraft der Menschen erweitert hat. Ein Iran nach der Islamischen Republik ist kein Tabu mehr.
Für Israel ist diese Entwicklung von strategischer Bedeutung. Ein freierer Iran würde die regionale Ordnung grundlegend verändern. Nicht weil er automatisch zum Verbündeten würde, sondern weil ein ideologisch getriebener Aggressor wegfiele. Die Demonstranten wissen das. Ihre Botschaften sind kein Zufall. Sie richten sich bewusst an Jerusalem.
Ob diese Proteste einen Kipppunkt markieren, ist offen. Sicher ist nur, dass sie etwas sichtbar machen, das lange unterdrückt wurde. Der Wunsch nach Normalität. Nach Würde. Nach einem Leben ohne Angst. Und erstmals wird dieser Wunsch nicht isoliert formuliert, sondern eingebettet in ein regionales und internationales Gefüge.
Der Iran steht nicht am Ende, aber vielleicht an einer Schwelle. Und für viele Menschen im Land ist klar: Zurück in die alte Stille wollen sie nicht mehr.

