(Zum Beitragsbild oben: The White House)
Jared Kushner nennt Israels Angriff auf die Hamas-Führung in Katar „schrecklich“ und militärisch gescheitert. Brisanter ist sein Eingeständnis, dass Washington die folgende Isolation Israels bewusst als Hebel einsetzte.
Jared Kushner hat ungewöhnlich offen beschrieben, wie die US-Regierung den israelischen Angriff auf führende Hamas-Terroristen in Doha im September 2025 bewertete und welche Konsequenzen Washington daraus zog. Der Schwiegersohn und Berater von US-Präsident Donald Trump bezeichnete die israelische Operation bei einem per Video übertragenen Auftritt auf einer Konferenz in Kiew als „schrecklich“ und als militärischen Fehlschlag. Gleichzeitig bestätigte er, dass die Vereinigten Staaten die darauf folgende internationale Isolation Israels gezielt nutzten, um Jerusalem zu Zugeständnissen bei einem Gaza-Abkommen zu bewegen.
„Israel führte den Angriff in Doha durch, was eine schreckliche Sache war“, sagte Kushner. Militärisch sei die Operation offensichtlich erfolglos gewesen und habe dazu geführt, dass Israel international isoliert worden sei. Noch bemerkenswerter war jedoch, was unmittelbar darauf folgte: „Wir haben diese Dynamik genutzt, um sie zu einem Abkommen zu drängen“, erklärte Kushner. Israel sei mit dem amerikanischen Druck damals nicht vollständig einverstanden gewesen, heute jedoch mit dem Ergebnis zufrieden.
Damit bestätigt ein zentraler Akteur der amerikanischen Nahostpolitik öffentlich, was bislang vor allem aus Hintergrundberichten bekannt war: Washington reagierte auf den diplomatischen Schaden für Israel nicht nur mit Krisenmanagement. Die Trump-Regierung erkannte darin eine Gelegenheit, den eigenen Einfluss auf Jerusalem zu vergrößern.
Kushners Urteil ist nicht die ganze Geschichte
Die Bezeichnung des Angriffs als „schrecklich“ ist zunächst Kushners politische Wertung. Dass das eigentliche militärische Ziel verfehlt wurde, ist dagegen kaum bestreitbar. Israel hatte am 9. September 2025 ein Treffen hochrangiger Hamas-Funktionäre in Doha angegriffen. Zu den Zielpersonen gehörten führende Köpfe der Terrororganisation. Die Spitzenfunktionäre überlebten. Getötet wurden mehrere Hamas-Mitglieder sowie ein Angehöriger der katarischen Sicherheitskräfte.
Zur vollständigen Einordnung gehört jedoch ebenso, warum Israel überhaupt in Doha zuschlug. Der israelische UN-Botschafter Danny Danon erklärte wenige Tage später vor dem Sicherheitsrat, Ziel seien Hamas-Führer gewesen, die über Jahre Terrorangriffe gegen Israel geplant und gesteuert hätten. Israel verwies ausdrücklich auf ihre Rolle beim Massaker vom 7. Oktober 2023. Doha war damit nicht irgendein neutraler Ort. Katar beherbergte über Jahre die politische Führung einer Terrororganisation, während diese Krieg gegen Israel führte und israelische Geiseln festhielt.
Genau dieser Widerspruch prägte Katars Rolle über Jahre: Das Emirat war einerseits wichtiger Vermittler für Washington und Jerusalem, andererseits gewährte es führenden Hamas-Funktionären Schutz und politischen Raum. Diese Doppelrolle verschwand auch dadurch nicht, dass die Vereinigten Staaten den katarischen Kanal für Verhandlungen benötigten.
Kushners heutige Bewertung blendet diesen Ausgangspunkt weitgehend aus. Israel griff nicht die katarische Regierung oder wahllos Ziele in Doha an. Das erklärte Ziel waren Führungsmitglieder der Hamas. Dass die Operation ihr wichtigstes militärisches Ziel verfehlte und einen erheblichen diplomatischen Preis erzeugte, ändert nichts daran, wer sich in dem angegriffenen Komplex aufhielt.
Aus dem Fehlschlag wurde ein politischer Hebel
Bemerkenswert ist zudem, dass Kushners jetzige Darstellung eine Debatte fortsetzt, die bereits unmittelbar nach dem späteren Gaza-Abkommen geführt wurde. Kushner und der US-Sondergesandte Steve Witkoff erklärten schon im Oktober 2025, die Regierung Trump habe den Angriff als problematisch empfunden. Kushner sagte damals, Trump habe den Eindruck gewonnen, die Israelis gerieten mit ihrem Vorgehen „etwas außer Kontrolle“ und müssten gestoppt werden.
Auf israelischer Seite entstand jedoch eine andere Interpretation. Demnach erhöhte der Angriff gerade auf Katar den Druck auf Doha und machte deutlich, dass die Führung der Hamas auch dort nicht unangreifbar war. Selbst Berichte über diese unterschiedlichen Sichtweisen kamen letztlich zu einem gemeinsamen Punkt: Der Doha-Schlag beschleunigte die diplomatische Dynamik, die zum amerikanischen Gaza-Plan führte. Umstritten blieb vor allem, ob dies geschah, weil Washington Israel unter Druck setzte, oder weil Katar und Hamas nach dem Angriff selbst stärker unter Zugzwang gerieten.
Kushner stellt heute vor allem die erste Version heraus. Die internationale Isolation Israels habe Washington zusätzlichen Einfluss verschafft. Genau darin liegt der politische Nachrichtenwert seiner Aussagen: Ein enger Verbündeter nutzte eine Schwäche Israels bewusst als Verhandlungsinstrument.
Kushner verteidigt das Ergebnis. Der amerikanische Druck habe sich letztlich für Israel und für die Menschen im Gazastreifen ausgezahlt. Er verwies auf die neue Regierungsstruktur für Gaza und die geplante weitere Entmilitarisierung. Bereits Anfang September hatte er allerdings eingeräumt, dass Washington inzwischen erst das tatsächliche Ausmaß der Militarisierung Gazas erfasse und die Entwaffnung entsprechend schwierig werde.
Damit bleibt auch ein entscheidender Prüfstein für Kushners optimistische Bilanz bestehen. Ein Gaza-Abkommen kann aus israelischer Sicht nicht allein daran gemessen werden, ob die Kämpfe beendet und politische Strukturen geschaffen wurden. Entscheidend ist, ob die Hamas dauerhaft entwaffnet wird, ihre militärische Infrastruktur verschwindet und der Gazastreifen nicht erneut zum Ausgangspunkt eines Massakers wie am 7. Oktober werden kann.
Kushners Aussagen zeigen deshalb zweierlei. Der Angriff von Doha erreichte sein unmittelbares Ziel nicht. Zugleich setzte er eine Kette politischer Reaktionen in Gang, deren Folgen weit über die misslungene Ausschaltung einiger Hamas-Führer hinausgingen. Washington verwandelte den diplomatischen Rückschlag Israels in Verhandlungsmacht. Ob diese Strategie langfristig tatsächlich „großartig für Israel“ war, wie Kushner meint, entscheidet sich jedoch nicht in Washington oder auf einer Konferenz in Kiew, sondern daran, ob die Hamas am Ende tatsächlich ihre Fähigkeit verliert, Israel erneut anzugreifen.

