Ein Film endet. Das Publikum beginnt zu klatschen, doch nicht genug: Alle, restlos alle, erheben sich von ihren Sitzen und klatschen. Standing Ovation. Sie dauert an. Und an. Und an.

Ganze 25 Minuten lang klatscht das Publikum im Stehen.

Das muss ein unheimlich guter Film sein, nicht?

Könnte man denken. Die oben beschriebene Situation trug sich in Venedig zu, an der diesjährigen Biennale.

Der Film: NAZA.

NAZA (נז“א) ist eine hebräische Abkürzung, bedeutet Kollateralschaden (נזק אגבי) und wird von der israelischen Armee (IDF) benutzt – fun fact: die Armee liebt Abkürzungen.

Der 80 Minuten lange Film NAZA ist ein Produkt der israelischen Filmemacher Yuval Abraham und Rachel Szor. Er ist als „Dokumentarfilm“ gelistet (als einziger Kandidat, nota bene), doch dokumentarisch ist er nicht. Propagandistisch wäre das richtige Wort. Schon der Filmtitel ist wohl nicht zufällig gewählt: Er weckt Assoziationen mit dem Wort Gaza ebenso wie mit dem Wort Nazi… und die beiden Filmemacher haben sich schon mit früheren Filmen gegen Israel geäussert.

Der Film vertritt mehrere Kernthesen:

  • Die Öffentlichkeit habe nur begrenzten Einblick in diese internen Abläufe, weshalb die Aussagen der Insider besondere Bedeutung hätten
  • Zivile Opfer seien in vielen Fällen nicht erst nach einem Angriff bekannt geworden, sondern bereits vorher geschätzt worden.
  • Militärische Entscheidungsprozesse hätten häufig auf formalisierte Berechnungen solcher Verluste zurückgegriffen.
  • Die Sprache militärischer Bürokratie könne die menschlichen Folgen von Gewalt verdecken.

Zur Untermauerung ihrer Thesen stützen sich Abraham und Szor auf die „anonymisierten“ Aussagen von 24 Militär- und Geheimdienstmitarbeitern. Diese Interviews wurden sämtlich in Tel Aviv geführt, auf einem Dach, nachts und unter „strengsten Sicherheitsvorkehrungen“. Selbstverständlich sind die Gesichter der Interviewten verpixelt und die Stimmen verfremdet. Zwischen diesen Gesprächen werden Nachrichtenmaterial, Datenanalysen, Karten, Dokumente und erklärende Grafiken eingespielt, die auf in den Jahren 2034 bis 2025 bereits publizierten Recherchen von +972 Magazine (unter dessen Team NAZA-Regisseur Yuval Abraham als „investigativer Reporter“ aufgeführt ist), Local Call/שיחה מקומית (der hebräischen Seite des +972 Magazins, also derselben Quelle) und The Guardian (britische linksliberale Tageszeitung) beruhen.

Das ist kein Journalismus, das ist bestenfalls einseitige Berichterstattung. Der IDF wird unterstellt, Kollateralschäden, also den Tod unschuldiger Zivilisten, nicht nur billigend in Kauf zu nehmen, sondern geradezu im Vorfeld eines Angriffes zu berechnen. Dies, obwohl es Videofilme von Angriffen gibt, die in letzter Minute abgeblasen wurden, weil Zivilisten oder Kinder in der Nähe waren. Obwohl die IDF Flugblätter abwirft, die zur Evakuierung auffordern. Obwohl die Bevölkerung sogar telefonisch vor bevorstehenden Angriffen gewarnt wird. Außerdem wird ein Militärschlag mit 500 Toten genannt – doch einen solchen gibt es im ganzen, immer noch andauernden Krieg nicht. Der einzige „Angriff“, bei dem die Hamas (sic!) von 500 Toten sprach, war eine fehlgeleitete Rakete des Palästinensischen Islamischen Jihad, die auf dem Parkplatz eines Krankenhauses in Gaza einschlug. Die Zahl der Toten liegt nach Schätzungen weit tiefer.

Die israelische Armee hat die in NAZA enthaltenen Vorwürfe von sich gewiesen.

Hier gebe ich noch einen Fernsehtipp: Die Serie Fauda (auf Netflix zu sehen), davon vor allem die neue Staffel 5, die sich mit dem Geschehen rund um den 7. Oktober 2023 beschäftigt.

Vor dem 7. Oktober 2023 gab es wohl ein Drehbuch für einen Überfall aus Gaza innerhalb der Serie, doch diese Idee wurde als „zu unrealistisch“ verworfen. Doch dann geschah der 7. Oktober, und die Wirklichkeit war schrecklicher als das imaginäre Szenario. Idan Amedi, bekannter israelischer Sänger und einer der Stars der Serie, wurde in Gaza so schwer verletzt, dass er bei seiner Ankunft im Krankenhaus nicht identifiziert werden konnte („unbekannter Soldat, 22 Jahre alt“). Staffel 5 sei eine Art der Traumaverarbeitung, sagen die Regisseure Avi Issacharoff und Lior Raz. Die Dreharbeiten seien für alle sehr schwierig gewesen – klar, denn das ganze Trauma kam wieder hoch. Hier ist noch niemand darüber hinweg.

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Anima Chutzpanit in der Schweiz geboren, machte eine Ausbildung zur Primarschullehrerin, erhielt das Übersetzerdiplom DOZ, trat zum Judentum über, heiratete und machte Aliyah (Einwanderung nach Israel). Sie lebt mit ihrem Ehemann, zwei Kindern und vielen Katzen in Südisrael. Sie betreibt den Blog Kinder, Katzen und Kakteen.

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