“Der schwule Jesus” (einer von vielen “Jesussen”)

Roland M. Horn:

Auszug auf meinem Buch Der andere Jesus:

 

Der dunkle Jesus

Die dunkle Seite von Jesus ist ein Buch, das vom bekennenden Satanisten Oliver Fehn verfasst wurde. Gemeint ist damit jedoch nicht die Verehrung eines mystischen Wesens namens „Satan“, sondern der „moderne Satanismus“, wie ihn Anton Szandor LaVey, der Gründer und Hohepriester der „Church of Satan“ lehrte. Der moderne Satanismus vertritt einen atheistischen und rationalistischen Standpunkt, wobei die Freiheit des Menschen eine große Rolle spielt. LaVey ist der Autor der „Satanischen Bibel“. Bei seinen Lehren geht es um einen radikalen Materialismus und einen hedonischen Individualismus, der den menschlichen Körper, das Ego und die sinnliche Lust feiert.

Neben klassischen satanischen Büchern wie „Satans Handbuch“ und „Die Schule des Teufels“ hat Fehn u. a. auch das oben genannte Buch verfasst, das einige in der Bibel beschriebenen Facetten von Jesus aufzeigt und beleuchtet, die anderweitig eher weniger Beachtung finden.

Der schwule Jesus

So beschäftigt sich Fehn mit den „Männerfreundschaften des Nazareners“ und fragt sich, ob Jesus möglichweise schwul war. Einleitend zitiert aus Mk. 14:51-52, wo über die Gefangennahme Jesu im Garten Gethsemane berichet wird und ein Detail erwähnt wird, das wir sonst kaum irgendwo erwähnt finden. Es heißt da: „Und ein junger Mann, der ein Leinen(hemd) um dem bloßen (Leib) geschwungen hatte, folgte ihm, und sie ergriffen ihn. Er aber ließ das Leinen(hemd) fahren und floh nackt.“ (ELB)

Fehn stellt fest, dass es über diese Nackten „die abenteuerlichsten Mutmaßungen“ gäbe. So spielt er auf die hin und wieder geäußerte Annahme an, dass es sich um „die anachronistisch ausgelegte Erfüllung eines Prophetenworts handelt, und verweist in dieser Hinsicht auf die Tanach Stelle Amos 2:16, wo es nach Zunz heißt: „Und der Gewaltigste unter den Helden, nackt soll er fliehen an seinem selbigen Tage, ist der Spruch des Ewigen.“ Doch mit diesem Ansatz gibt sich Fehn nicht zufrieden, vielmehr fragt sich, ob es sich bei diesem Nackten möglicherweise um einen „durchgeknallten Verehrer“ des „Gurus Jesus“ oder gar um einen Menschen handelt, der Jesus außergewöhnlich nahe stand. Aber wenn Letzteres zutrifft: Warum war er dann nackt unter seinem Leinengewand? Warum bleibt er Jesus auf anhängliche Weise treu, bis sogar ihm selbst der Tod drohte? Nach dem Stellen dieser Fragen kommt Fehn jedoch auf seine Kernfrage zu sprechen: „Verband Jesus und den seltsamen Jüngling mehr als nur Freundschaft?“

Warum war es dem Schreiber des Markusevangeliums so wichtig, diesen jungen Mann, oder „Jüngling“, wie er bei Luther genannt wird, zu erwähnen? Den Verlauf der Geschichte beeinflusst er jedenfalls nicht, und später wird er auch nicht wieder erwähnt. Fehn glaubt auch nicht, dass er erfunden wurde, „denn erfunden wird bekanntlich nur, was sich dazu eignet, das Anliegen des Verfassers zu stützen.“ Aus diesem Grund glaubt Fehn auch nicht, dass diese Stelle etwas mit der oben zitierten Amos-Stelle zu tun hat. Die Begebenheit erscheint ihm als Erfüllung des Prophetenwortes zu dürftig. „Wer erfindet, um zu beweisen, der trägt dicker auf. Christliche Bibelexegeten meinen, bei dem Jüngling habe es sich um den Verfasser des Evangeliums – aus ihrer Sicht also Markus selbst – gehandelt; deshalb sei die Begebenheit auch von den anderen drei Evangelisten nicht aufgegriffen worden.“

Fehn glaubt, dass man, um dieses Rätsel zu lösen, das Johannesevangelium genauer unter die Lupe nehmen sollte, das zwar „als historische Quelle völlig unakzeptabel“, gleichzeitig aber auch das „philosophischste, in seiner Gedankenwelt komplexeste Evangelium“ sei.

Fehn ist sich sicher, dass der Jünger Johannes nicht der Verfasser des nach ihm benannten Evangeliums ist. Er begründet dies damit, dass Jakobus und eben Johannes in den synoptischen Evangelien als „Donnersöhne“ bezeichnet werden (vgl. Mk. 3:17). Wikipedia (Stichwort: „Donnerskinder“) meint, dass diese Bezeichnung entweder aufgrund ihres Feuereifers oder ihrer „gewaltig erschütternden Rede, die wie Donner in die Herzen dringen würden“ so genannt würden.

Fehn stellt fest, dass der Verfasser des Johannes-Evangeliums, den er mit dem „Jünger, den Jesus liebte“, gleichsetzt, eher ein sanftes Wesen aufweist – kaum jemand, den man als „Donnersohn“ bezeichnen würde. Der Autor beschreibt den Verfasser des Johannesevangeliums eher als wie eine Nebelgestalt wirkend, rätselhaft, exotisch und ungreifbar. Seine Argumentation verstärkt er durch den Umstand, dass keines der vier Evangelien ursprünglich einen Verfassernamen besaß, sondern dass sie erst im 2. Jahrhundert u. Z. Matthäus, Markus, Lukas und Johannes zugeteilt worden seien.

Dem Autor fällt weiter auf, dass der im Johannesevangelium genannte „Lieblingsjünger“ ständig in Begleitung von Petrus auftritt, dabei aber selten selbst das Wort ergreift. „Und auch das Geschehen, das ihn umgibt, wirkt in den betreffenden Bibelpassagen wie verschleiert, vom Verfasser in einen allegorischen Nebel gehüllt“, stellt Fehn fest, und so fragt er sich: „Wollte, ja musste der Evangelist etwas verhüllen, was gegen den moralischen Kodex jener und auch späterer Tage verstoßen hätte?“ Und dann lässt er, indem er den methodistischen Theologen Theodore Jennings, Professor am Theologischen Seminar, der „United Church of Christ“ in Chicago, zu Wort kommen lässt, die Katze aus dem Sack. Der sei sich nämlich völlig sicher gewesen: „Der Jünger, den ‚Jesus liebte‘, war des Nazareners schwuler Freund.“

Fehn stellt fest, dass dieser Jünger sich bereits bei seinem ersten Auftritt in einer verfänglichen Situation befand. So heißt es in Joh. 13:23: „ Einer von seinen Jüngern, den Jesus liebte, lag zu Tisch an der Brust Jesu.“ (ELB) Diese Szene spielt sich beim letzten Abendmahl ab, und Johannes‘ Schatten Petrus ergriff das Wort, wies den an Jesu Brust liegenden Jünger an, Jesus zu fragen, wer es denn sei, der ihn verraten würde. Diese Frage war sehr persönlich. Und Fehn meint, dass eine Frage dieser Art anscheinend nur von einem gestellt werden dürfe: Jesu schwulem Freund!

Weiter sei dieser Vers der einzige in allen Evangelien, in denen jemand Jesus zärtlich berühre und dies sei als Intimität aufzufassen.

Die zweite Begegnung mit dem Lieblingsjünger sei „unterm Kreuz“ erfolgt, also in nächster Nähe des Kreuzes, gleich hinter der von den Römern gewöhnlich errichteten „Bannmeile“, die dazu dienen sollte, Unruhen zu vermeiden. Wir haben bereits früher festgestellt, wer dort stand: Johannes, Jesus Mutter Maria und ihre Schwester gleichen Namens sowie Maria Magdalena. In Joh. 19:26-27 heißt es wie weiter oben bereits anzitiert:

„Als nun Jesus die Mutter sah und den Jünger, den er liebte, dabeistehen, spricht er zu seiner Mutter: Frau, sieh dein Sohn! Und von jener Stunde an nahm der Jünger sie zu sich.“ (ELB)

Fehn schreibt, dass es in jüdischen Familien üblich war, dass eine Frau nach der Eheschließung von der Familie des Gatten aufgenommen wurde und in deren Haus einzog. Für den Fall, dass der Ehemann vor ihr starb, hatte er nach seinem Tod auch für die Schwiegereltern zu sorgen. Wenn der Lieblingsjünger nun die „Frau“ in der Beziehung war, war es, wie Fehn schreibt, „nur logisch, dass Madame Johannes nach Jesu Ableben nun die Pflicht hatte, die hinterbliebene Schwiegermutter zu pflegen und zu umsorgen, als wäre er ihr eigener Sohn.“ Dass Johannes wie selbstverständlich bei den Angehörigen steht (auf die Frage, warum Maria Magdalena dabeistand und von Fehn zu den Angehörigen gezählt wird), kommen wir gleich zu sprechen), spricht Fehn zufolge bereits, eine deutliche Sprache. Und der geht noch weiter, wenn er schreibt: „Dass Jesus seine Mutter nun dem Johannes anvertraut, könnte ein Eingeständnis seiner homosexuellen Beziehungen, kurz vor seinem Tode gewesen sein.“ Also ein Outing. Diese Stelle ist Fehn zufolge die einzige Textstelle, in der „der Lieblingsjünger“ ohne die Nähe Petri auskommt. „Der nämlich hatte sich – schon ganz und gar künftiger Pontifex maximus – bedeckt behalten und verdünnisiert“, wie Fehn schreibt.

Am Ostermorgen war es „der Jünger, den Jesus lieb hatte“, der es eilig hatte, zum Jesu Grab zu gelangen, nachdem Maria Magdalena ihm und seinem Schatten Petrus mitgeteilt hatte, dass der Stein weggewälzt war und offensichtlich irgendjemand sich in Jesu Grab zu schaffen gemacht und den Leichnam entfernt hatte. Dem Schreiber des Johannes-Evangeliums ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass Johannes schneller war als Petrus. („Die beiden aber liefen zusammen, und der andere Jüngern lief voraus, schneller als Petrus und kam zuerst zu der Gruft; als er sich vornüberbeugt, sieht er die Leichentücher daliegen; doch ging er nicht hinein.“; Joh. 20:4-5, ELB) Dies weist in Fehns Augen darauf hin, dass „der Jünger der Jesus lieb hatte“, mehr am Schicksal des Verstorbenen interessiert war, als der hinterherbummelnde Petrus. Dass letzterer derjenige war, der die Gruft zuerst betrat, liegt Fehn zufolge an seinem distanzierteren Verhältnis zu Jesus.

Fehn weist weiter auf zwei Szenen aus dem Johannesevangelium hin, die allerdings Teil des letzten Kapitels sind, das allgemein für eine spätere Hinzufügung gehalten wird. Es geht um jene Stelle, in der sich Jesus den am See Tiberias fischenden Jüngern offenbart. Von sieben anwesenden Jüngern erkennt nur einer Jesus, natürlich der, „der ihn liebhatte“. Sein Schatten Petrus war wie immer in der Nähe und von ihm heißt es in Joh. 21:7: „Da sagt jener Jünger, den Jesus liebte, zu Petrus: Es ist der Herr! Simon Petrus nun, als er hörte, dass es der Herr sei, gürtete das Oberkleid um, denn er war nackt – und warf sich in den See.“ (ELB) Wieder ein nackter Jüngling. Der schwimmt nun nach seinem Sprung aus dem Fischboot Jesus entgegen, und Fehn fallen bei dieser Passage drei Besonderheiten auf: 1. Warum nur der Lieblingsjünger Jesus erkennt, 2. Warum Petrus nackt war und ob es die anderen auch waren, und 3. Warum in Vers 2, in dem die am Fischzug beteiligten Jünger aufgezählt werden, der Lieblingsjünger nicht genannt wird.

Letzteres stimmt allerdings nur dann, wenn der Lieblingsjünger tatsächlich nicht mit Johannes, dem Sohn des Zebedäus, identisch ist, denn Vers zwei lautet: „Er [Jesus] offenbarte sich aber so: Simon Petrus und Thomas, genannt Zwilling, und Nathaniel, der von Kana in Galiläa war, und die (Söhne) des Zebedäus und zwei andere von seinen Jünger waren zusammen.“

Sehen wir uns aber Fehns Antwortversuche auf die von ihm aufgeworfene Fragen von oben nach unten an. Die erste Frage, nämlich warum der Lieblingsjünger Jesus als erster erkannte, hält er für belanglos, denn „einer muss es ja gewesen sein“. Allerdings hält er es für interessant, dass dieser Umstand ausdrücklich betont wird und schließt auch hier auf eine „außergewöhnliche Nähe und Vertrautheit zwischen den beiden Männern.“

Dass Petrus nackt war, erscheint Fehn schon befremdlich, und er fragt sich, ob dieser Umstand „Aufschluss über das recht zwanglose Miteinander einer Art biblischer Hippie-Kommune“ gibt, bzw. ob es üblich war, „dass Jesus und seine Jünger keinerlei körperliche Scham voreinander empfanden, so wie auch die jungen Blumenkinder in den später Sechzigern an schwülen Tagen schon mal alle Kleider fallen ließen.“ Dies überzeugt aber weder Fehn selbst noch mich, denn warum hatte es Petrus so eilig, seine Nacktheit zu verbergen, bevor er ins Wasser sprang? Wieso streifte er hurtig ein Oberteil über? Womöglich – so spekuliert Fehn – war es Petrus unangenehm, sich Jesus nackt in der Gesellschaft des Lieblingsjüngers zu präsentieren, da der „Auferstandene“ falsche Schlüsse ziehen könnte. Kaum tot und gerade erst wieder auferstanden, und Johannes betrügt seinen schwulen Freund mit Petrus? War das der Grund, warum Petrus so eilig in die Klamotten sprang? Oder zumindest, um diesen Eindruck zu vermeiden? Wie Fehn richtigerweise schreibt, bekleidete sich Petrus erst, „nachdem es sich als sicher erwiesen hat, dass es sich bei dem Fremden am Ufer um Jesus handelt. Bei jedem anderen wäre es ihm anscheinend egal gewesen…“

Bezüglich der letzten von ihm aufgeworfenen Frage zitiert Fehn selbst den Vers 2 und hält es für

„sehr unwahrscheinlich, dass der Evangelist, bzw. der Verfasser jenes 21. Kapitels, der sich in Vers 24 dazu bekennt, selbst jener Lieblingsjünger zu sein, sich in Vers 2 so bescheiden unter den ‚zwei anderen Jüngern‘ eingereiht hätte. Folglich müsste der Lieblingsjünger entweder Petrus, Thomas, Nathaniel oder einer der Zebedäussöhne sein. Petrus scheidet schon deswegen aus, weil er wie gesagt fast immer dabei ist, wenn der Lieblingsjünger auftritt. Doch auch Thomas und Nathanael, zu denen der Evangelist kurze Anmerkungen bietet, wären sicher als Lieblingsjünger ausgewiesen worden, wenn sie es denn gewesen wären. Bleiben die Zebedaiden, also Jakobus und Johannes. Jakobus trug den Beinamen „der Ältere“, um von dem gleichnamigen Alphäus-Sohn unterschieden zu werden, der ebenfalls zu den Jüngern gehörte. Als Lieblingsjünger hätte er im Text keinen zusätzlichen Beinamen benötigt. Also: Johannes. Woraus man folgern kann, dass der Verfasser jenes zusätzlichen Kapitels bereits mit dem gleichnamigen Zebedäussohn gleichsetzte, der im vorletzten Vers selbst zu sein behauptet.“ (Fehn 2015, S. 88)

Wäre es nicht naheliegend, davon auszugehen, dass es sich bei dem Lieblingsjünger entgegen Fehns Ansicht doch um Johannes, den Sohn des Zebedäus handelte, auch wenn die Bezeichnung „Donnersohn“ nicht so recht zu passen scheint.? Man kann da durchaus verschiedener Meinung sein, doch für Fehn jedoch ist die Sache klar: 1. konnte der Verfasser, wie Fehn meint, „nie und nimmer ein Augenzeuge gewesen sein“ und 2. „fällt auch auf, dass das 21. Kapitel das einzige ist, in dem die Zebedäussöhne überhaupt erwähnt werden. Der Verfasser der ersten 20 Kapitel kannte sie anscheinend gar nicht. Somit ist Johannes Zebedäus als mutmaßlicher Jünger ebenfalls aus dem Rennen“, meint Fehn.

Der bezieht sich nun auf eine weitere Stelle aus dem Kapitel 21 des Johannesevangeliums, nämlich die Verse 20-22, wo es heißt:

„Petrus wandte sich um und sieht den Jünger nachfolgen, den Jesus liebte, der sich auch bei dem Abendessen an seine Brust gelehnt und gesagt hatte: Herr, wer ist es, der dich überliefert? Als nun Petrus diesen sah, spricht er zu Jesus: Herr, was (soll) aber dieser? Jesus spricht zu ihm: Wenn ich will, dass er bleibe, bis ich komme, was geht es dich an? Folge du mir nach.!“ (ELB)

In dieser Szene, die Fehn sinnigerweise mit „Hänschens letzter Auftritt“ überschreibt, erscheint nach Fehns Meinung „Johannes“ (dessen Namen er in Anführungszeichen setzt) beinahe als ein „Problemfall“. Während die anderen Jünger frei wählen können, ob sie zu ihren Familien zurückkehren oder in Verbindung bleiben wollen, um die Mission Jesu auf andere Weise fortzusetzen, hängt dieser „Jüngling“ in der Luft. „Dieselbe Frage könnte Petrus gestellt haben, wenn es sich bei ‚Johannes‘ um die Witwe seines Meisters gehandelt hätte“, meint Fehn. „Und des Nazareners Antwort –‚Wenn ich will, dass er bleibt, bis ich komme, was geht es dich an?‘ – stellt ein für alle Mal klar, dass es zwischen ihm und Johannes Geheimnisse gibt, die auch den Chefapostel einen feuchten Kehricht angehen. Der Lieblingsjünger spricht während der gesamten Szene wiederum kein Wort – als wäre er Nebel, als wäre er Traum, als wäre er Nichts.“ (Hervorhebung im Orig.)

Fehn gelangt zu der Ansicht, dass der Verdacht, der Lieblingsjünger sei ein junger Geliebter Jesu gewesen, ließe sich

„durch sämtliche Bibelstellen stützen, in denen der Lieblingsjüngr auftritt. Sie impliziert nicht, dass Jesus von Nazareth ausschließlich homosexuell war […] so lässt sich eher mutmaßen, dass bei Jesus und seinem Jüngerkreis eine Art ‚free love‘-Mentalität vorherrschte, bei der es – wie in den Ashrams moderner Gurus – zu wechselnden, mitunter geschlechtsunabhängigen Beziehungen kam, die auf der Skala von körperlichen Befriedigung bis hin zu wahrer Liebe alle möglichen Spielarten der Erotik abdeckten. Womöglich spielten Treue und Monogamie dabei nur eine untergeordnete Rolle. Wenn der Mensch wirklich ein potenziell bisexuelles Wesen ist, das zu seiner Erfüllung beider Polaritäten bedarf, so stand Maria Magdalena vielleicht an dem einen Ende der Skala, der Lieblingsjünger am anderen.“ (Fehn 2015, S. 90)

Fehn weiß auch über „überspitzte Deutungen bezüglich des Lieblingsjüngers“ zu berichten und verweist auf Mutmaßungen, denen zufolge Johannes (dessen Name er wieder in Anführungszeichen setzt) ein professioneller Lustknabe gewesen sei. Als Beleg für diese Behauptung müsse eine Bibelstelle herhalten, in der nicht vom Lieblingsjünger, sondern von dem „anderen Jünger“ gesprochen wird, was aber eine Wendung ist, die häufig ebenfalls auf Johannes (wieder in Anführungszeichen gesetzt) angewendet wird. Es handelt sich um die Stelle, in der Petrus Jesus verleugnet sprich verrät – Joh. 18:15-18:

„Simon Petrus aber folgte und ein anderer Jünger. Dieser Jünger war den Hohepriestern bekannt und ging mit Jesus hinein in den Hof des Hohepriesters. Petrus aber stand an der Tür draußen. Da ging der andere Jünger, der dem Hohepriester bekannt war, hinaus und sprach mit der Türhüterin und führte Jesus hinein. Da spricht die Magd, die Türhüterin, zu Petrus: Bist nicht auch du (einer) von den Jüngern dieses Menschen? Er sagt: Ich bin es nicht. Es standen aber die Knechte und die Diener da, die ein Kohlenfeuer gemacht hatten, weil es kalt war, und wärmten sich; Petrus aber stand auch bei ihnen und wärmte sich.“ (ELB)

Die angesprochene „überspitze Deutung“ besagt Fehn zufolge, dass der Umstand, dass „der andere Jünger“ den Hohepriester kennt, der Grund dafür ist, dass Petrus ihm unbehindert folgen kann. Und warum kannte „der andere Jünger“ den Hohepriester? Weil er ein Stricher war, dessen Dienst auch der Hohepriester Kajaphas bereits in Anspruch genommen hatte! Deshalb konnte er den „anderen Jünger“ nicht abweisen. Hätte er es getan, hätte der „andere Jünger“ sich möglicherweise geoutet und ihn bloßgestellt, und so ließ er ihn lieber mitsamt Petrus passieren.

Fehn belässt es jedoch nicht bei der angeblichen homoerotischen Beziehung Jesu mit Johannes, sondern benennt gleich noch einen potenziellen Liebhaber Jesu: Lazarus von Bethanien (vgl. Joh.11), der Bruder von Jesu Freundinnen Maria und Marta, die neben dem Jüngling von Nain (Lk. 7:11-17) und der Tochter des Jairus (Mk. 5:21-43) die einzige Person war, die Jesus nicht nur heilt, sondern gar vom Tode erweckt. Im Vers 3 von Joh. 11 heißt es „Herr, siehe der, den du lieb hast, ist krank!“ „Der, den du lieb hast?“ Was hat das zu bedeuten? In Vers 15 liest sich ähnliches: „Jesus weinte. Da sprachen die Juden: Siehe, wie lieb hat er ihn gehabt!“

Jesus, der Feminist

Nachdem wir nun ausführlich über Jesu Verhältnis zu den Männern gesprochen haben, kommen wir nun auf sein Verhältnis zu Frauen zu sprechen.

Im Gegensatz zur oft von Theologen vertretenen Einstellung, dass sexuelle Enthaltsamkeit eine Tugend ist, waren, wie Fehn feststellt, enthaltsame Männer zur Zeit Jesu nach der Auffassung der Juden, eher Außenseiter –unglückliche Menschen, von denen jeder „auf den eigentlichen Schlüssel zur irdischen Seligkeit verzichten muss: auf die Gemeinschaft mit einer Frau, die ihn vor der Geißel der Einsamkeit und dem Schmerz unerfüllter Sehnsucht bewahrte.“ Fehn zufolge war ein lediger Mann damals fast schon eine Schande.

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