„Ägypten, Syrien koordinieren sich“: IDF-Einschätzungen am Vorabend des Yom Kippur-Kriegs freigegeben

Eine neue Website des Verteidigungsministeriums mit mehr als 20.000 Akten beinhaltet bisher nicht besehene Geheimdienstbewertungen, Tagebücher des SIGINT-Kommandanten, Augenzeugenberichte zum Fall des Hermon-Außenpostens

Ein Scho’t Kal (Centurion)-Panzer der IDF auf den nördlichen Golanhöhen am 11. Oktober 1973 während eines Gegenangriffs der 7. Brigade oder der 179. Brigade im Yom Kippur-Krieg (Foto: Avraham Vered/Archiv des Verteidigungsministeriums)

Das Verteidigungsministerium brachte am Sonntag eine Website an den Start, die Dutzende neu freigegebener Dokumente, Bilder, Videos und anderer Dateien aus dem Yom Kippur-Krieg von 1976, um den 50. Jahrestag des Konflikts später dieses Jahr zu ehren.

Zu den zum ersten Mal veröffentlichten Dokumenten gehörten Auswertungen des Militärgeheimdienstes aus dem Monat vor dem Konflikt, die später einer Kommission vorgelegt wurden, die den Krieg untersuchte; die Tagebücher von Brigadegeneral Yoel Ben-Porat, Leiter der Funkaufklärungs-Einheit, die die Geheimdienst-Versager im Vorfeld des Krieges beschrieben und Augenzeugenberichte zum Fall des Hermon-Außenpostens während des ersten Tags des Konflikts.

Insgesamt umfasst die Website (hebräischer Link) 16.301 Fotografien, 6.085 Dokumente, 215 Videos, 40 Audioaufzeichnungen und 169 Landkarten zum Yom Kippur-Krieg, von denen einige erst vor kurzem zur Veröffentlichung freigegeben wurden.

„Die Yom Kippur-Website wurde eingerichtet, um die Geschichte der Kriegsgeneration zu erzählen, des Mutes der Kämpfer zu gedenken und eine offizielle Plattform für die Weitergabe des Vermächtnisses des Krieges an zukünftige Generationen“, sagte das Ministerium in einer Äußerung.

Die Informationsauswertung der IDF, nur Stunden vor dem Konflikt

Vom Ministerium zur Verfügung gestellte Auszüge aus den letzten Bewertungen des Militär-Geheimdienstes vor dem Krieg vom 6. Oktober 1973 um 9 Uhr morgens zeigten, dass Israel immer noch unsicher war, dass Ägypten und Syrien nur Stunden später einen Überraschungsangriff beginnen würden.

„Für uns scheint es so, dass Ägypten und Syrien ihre Schritte koordinieren… Die Armeen von Ägypten und Syrien sind praktisch kriegsbereit, die Streitkräfte nahe der Grenze sind von beispielloser Stärke. Wenn auf strategischer Ebene eine Entscheidung getroffen wird den Kampf zu beginnen, dann werden sie in der Lage sein, das aus den aktuellen Vorbereitungen heraus zu tun, ohne weitere Vorbereitungen treffen zu müssen… Andererseits gehen wir davon aus, dass die strategischen Ebenen in Ägypten und Syrien sich der fehlenden Erfolgsaussichten im Krieg und der damit verbundenen Risiken bewusst sind. Andererseits sind wir Zeugen breit angelegter militärischer Vorbereitungen und wir haben auch Nachrichten über Tendenzen, die den unmittelbar bevorstehenden Beginn eines Krieges andeuten“, heißt es in der jetzt freigegebenen Bewertung.

Eine israelische Militärposition in Ras Sedr auf der Halbinsel Sinai während eines Sandsturms oder unter Beschuss am 6. Oktober 1973 im Yom Kippur-Krieg (Foto: Michael Tzarfati/Archiv des Verteidigungsministeriums)

Eine vorher veröffentlichte Einschätzung von einem Tag früher erklärte: „Die Wahrscheinlichkeit, dass die Ägypter eine Wiederaufnahme der Kämpfe beabsichtigen, ist gering… Die Wahrscheinlichkeit von unabhängigem syrischem Handeln (ohne die Ägypter) bleibt niedrig.“

Viele weitere Einschätzungen und Dokumente des IDF-Militärgeheimdienstes, die später der Agranat-Kommission vorgelegt wurden, sind auf der neuen Website des Verteidigungsministeriums veröffentlicht worden.

Der Mossad wusste eine Woche vorher: „Krieg steht unmittelbar bevor“

Ein Eintrag in Ben-Porats Tagebuch beklagte, dass der Geheimdienst Mossad eine ganze Woche im Voraus wusste, dass Ägypten einen Überraschungsangriff am Yom Kippur 1973 plante, die Information aber nicht auf geordnete und mehrdeutige Weise an das Büro von Premierministerin Golda Meir oder andere Amtsträger weitergab.

Yoel Ben-Porat (Wikipedia)

„Bereits am Freitag um 2:30 Uhr [nachts – 36 Stunden vor Kriegsbeginn] kam beim Mossad ein Telegramm an, das mit Codeworten verschlüsselt war, die mehrdeutig waren, aber zwei Worte daraus waren völlig klar: Krieg steht unmittelbar bevor“, hieß es in dem freigegebenen Tagebucheintrag.

„Außer dreien (dem Leiter des Mossad, dem Bürochef und den Leiter des Militärgeheimdienstes) hörte niemand etwas von dieser Information – nicht die Premierministerin, nicht der Verteidigungsminister, nicht der Generalstabschef“, fügte Ben-Porat hinzu, der die SIGINT-Einheit (Funkaufklärung) leitete.

Geschichten vom Fall des Außenpostens auf dem Hermon

Das Verteidigungsministerium veröffentlichte auch Augenzeugenberichte des damaligen Leutnants Gadi Zidover, Kommandant des Hermon-Außenpostens auf den Golanhöhen, sowie Feldwebel David Nahliel, einem Golani-Soldaten, wie sie es schafften während des syrischen Einmarschs am ersten Tag des Krieges aus dem Posten zu entkommen. Ihre Berichte beschrieben die fehlende Bereitschaft des Außenpostens für den Krieg und die Schlacht, in der viele der Soldaten des Postens oder gefangengenommen wurden. Zidover hatte sich mit Nahliel und einer Reihe weiterer Soldaten aus den Außenposten zurückgezogen, als in ihn einmarschiert wurde.

„Wir hörten Schreie auf Arabisch und Kugeln, die die Tür trafen. In diesem Moment begann die Truppe in Panik zu verfallen… Die Leute, die die Öffnungen blockierten, hatten kaum mehr als ein einzelnes Magazin, keinen Gürtel, keine Granaten und keine Waffen. Nach ein paar Schüssen und vielleicht ein paar Treffern bei den Syrern wurden sie eliminiert“, sagte Zidover.

Eine Landkarte, die die militärische Lage auf den Golanhöhen während des Yom Kippur-Kriegs am Nachmittag des 7. Oktober 1973 zeigt (Foto: Archiv des Verteidigungsministeriums)

„Ich hatte zwei Magazine, der Rest war ohne Waffen und Munition. Ich hatte eine Granate… Ich sah, dass Kämpfen sinnlos war… Ich begann mit Rufen Leute zu sammeln“, sagte er.

In Nahliels Bericht wurde er gefragt, ob den Truppen des Außenpostens gesagt wurde in Alarmbereitschaft zu gehen oder nicht. „Wir wissen, dass es einen Alarm gab, aber wir dachten natürlich nicht an einen Krieg, vielleicht einen Tag Kämpfe. Es war uns nicht klar, dass es ein Krieg war“, sagte der Soldat.

„Am Samstag [um 14 Uhr] wurde der Außenposten mit Artillerie beschossen. Ich war zufällig mit dem Kommandanten des Postens und dem Golani-Zugführer in der Nähe der Beobachtungsposition. Der Beobachtungsposten wurde direkt getroffen und wir alle fielen nach hinten“, sagte Nahliel.

„Wir eröffneten das Feuer auf sie. Ich sah, dass ein Syrer auf die Luftabwehrstellung schoss… und die Position wurde getroffen. Genau in den Moment, als der Maschinengewehrschütze anfing zurückzuschießen, wurde er, weil er ein wenig zu sehen war, von einem Feuerstoß ins Herz getroffen. Er stürzte und rief: ‚Ich bin getroffen.‘ Ich und der Zugführer griffen ihn und zogen ihn nach innen“ fuhr der Soldat fort.

„Alle Männer des Außenpostens gehörten zur Luftwaffe und zum Kommunikationskorps. Sie hatten Schusswaffen, aber nicht genug Munition für Krieg. Sie wussten nicht, wie man kämpft und hatten zudem Angst“, fügte er hinzu.

Der Hermon-Außenposten auf den Golanhöhen am 20. Oktober 1973 während des Yom Kippur-Krieges (Foto: Archiv des Verteidigungsministeriums)

Das Ministerium sagte, es werde die Seite weiter mit neuen Inhalten zum Krieg aktualisieren, sobald sie freigegeben werden.

Der Krieg von 1973 endete mit einem letzten Waffenstillstand am 25. Oktober und Israel behielt die Kontrolle über die Halbinsel Sinai und die Golanhöhen, die es während des Sechstage-Krieges erobert hatte.

Mehr als 2.500 israelische Soldaten starben und tausende weitere wurden bei den Kämpfen verletzt, zusammen mit tausenden ägyptischen, syrischen und irakischen toten und verletzten Soldaten.

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