Während Washington auf Verhandlungen setzte, soll Teheran Raketen, Drohnen und seine Terrorverbündeten für eine größere Auseinandersetzung vorbereitet haben. Ein neuer Bericht zeigt, wie wenig das iranische Regime offenbar selbst an eine dauerhafte politische Lösung glaubte.
Das Memorandum zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran sollte Zeit für Diplomatie schaffen, die Straße von Hormus wieder öffnen und einen Weg aus dem Krieg ermöglichen. Nach neuen Erkenntnissen könnte die Führung in Teheran diese Zeit jedoch ganz anders verstanden haben. Nach einem Bericht des Wall Street Journal ging das iranische Regime davon aus, dass Israel und die Vereinigten Staaten die Vereinbarung möglicherweise nur nutzen wollten, um wirtschaftlichen Druck zu verringern und sich auf einen späteren, größeren Angriff vorzubereiten. Die iranische Antwort darauf soll bemerkenswert gewesen sein: Teheran bereitete sich demnach selbst auf einen größeren Krieg vor.
Damit erhält das am 17. Juni 2026 geschlossene Memorandum eine neue Bedeutung. Dass die Vereinbarung tatsächlich unterzeichnet wurde, ist keine Behauptung aus Geheimdienstkreisen. Das Weiße Haus dokumentierte die Unterzeichnung durch US-Präsident Donald Trump in Versailles offiziell. Das Abkommen sollte eine längere Feuerpause ermöglichen und den Weg zu weiteren Verhandlungen öffnen.
Schon damals war jedoch deutlich, dass Washington dem Frieden nicht blind vertraute. Trump erklärte öffentlich, dass die USA militärische Angriffe wieder aufnehmen könnten, sollte Iran sich nicht an die Vereinbarungen halten. Das Memorandum war kein Friedensvertrag, sondern ein vorläufiges Gerüst für weitere Verhandlungen. Die schwierigen Fragen, darunter das iranische Atomprogramm, Sanktionen und langfristige Sicherheitsgarantien, waren damit keineswegs gelöst.
Teheran soll die Ruhe systematisch genutzt haben
Nach Informationen des Wall Street Journal, das sich auf iranische und arabische Quellen sowie Erkenntnisse arabischer Nachrichtendienste beruft, nutzte die iranische Führung die vergangenen Wochen für weitreichende militärische Vorbereitungen. Dazu sollen der Ausbau der Raketen- und Drohnenproduktion, Veränderungen innerhalb der militärischen Führung sowie eine stärkere Stellung der Islamischen Revolutionsgarden gehört haben.
Besonders brisant sind die Berichte über Irans Verbündete außerhalb des eigenen Staatsgebietes. Angehörige der Revolutionsgarden sollen Berater und Kommandeure in den Irak, in den Libanon und in den Jemen geschickt haben. Dort sei mit verbündeten Milizen über mögliche weitere Angriffe beraten worden. Im Jemen sollen iranische Kommandeure nach den zugrunde liegenden Geheimdiensterkenntnissen unter anderem an der Vorbereitung von Raketen-, Drohnen- und anderen Waffensystemen der Huthi-Terrororganisation beteiligt gewesen sein. Auch Informationen über mögliche Ziele, darunter Häfen und Energieanlagen, sollen übermittelt worden sein.
Diese Angaben sind wichtig, müssen aber sauber eingeordnet werden. Es handelt sich teilweise um Geheimdiensterkenntnisse und Aussagen von mit diesen Erkenntnissen vertrauten Personen. Nicht jedes einzelne beschriebene Operationsszenario lässt sich unabhängig öffentlich überprüfen. Das Gesamtbild passt jedoch zu einer Entwicklung, die offen sichtbar ist: Die iranische Führung richtet ihren Sicherheitsapparat zunehmend auf einen lang andauernden Konflikt aus.
Das gilt besonders für die personellen Veränderungen an der Spitze des Regimes. Ahmad Vahidi wurde als Oberkommandierender der Revolutionsgarden bestätigt und mit einer offensiven Ausrichtung des Verbandes betraut. Weitere Schlüsselpositionen gingen ebenfalls an erfahrene Vertreter des militärischen und sicherheitspolitischen Machtapparates. Parallel wurde der frühere Kommandeur der Revolutionsgarden Mohsen Rezaei zum Sekretär des Obersten Nationalen Sicherheitsrates ernannt. Reuters beschreibt Rezaei als erfahrenen Hardliner und engen Verbündeten der iranischen Führung.
Das sind keine Personalentscheidungen, die nach einer Rückkehr zum politischen Normalbetrieb aussehen.
Hinzu kommt eine weitere Behauptung aus den arabischen Geheimdiensterkenntnissen, die selbst für die ohnehin angespannte Region außergewöhnlich ist. Die Revolutionsgarden sollen Golfstaaten davor gewarnt haben, dass iranische Kräfte deren Energieanlagen angreifen könnten, falls die Vereinigten Staaten iranische Energieanlagen attackieren. Dabei seien nach Angaben der vom Wall Street Journal zitierten Personen sogar konkrete mögliche Ziele genannt worden. Auch Sabotageakte gegen Unterseekabel, die Förderung politischer Unruhen und militärische Operationen gegen Kuwait sollen als mögliche Szenarien betrachtet worden sein.
Dass solche Möglichkeiten vorbereitet werden, bedeutet nicht automatisch, dass ihre Umsetzung beschlossen ist. Aber militärische Planung besitzt ihren eigenen politischen Wert. Ein Regime, das gleichzeitig über Diplomatie spricht und Angriffsmöglichkeiten gegen Nachbarstaaten vorbereitet, sendet eine klare Botschaft: Verhandlungen ersetzen für Teheran offenbar nicht die militärische Option.
Israel konnte sich auf das Memorandum nie verlassen
Aus israelischer Sicht bestätigt der Bericht deshalb vor allem eine Erfahrung, die seit Jahren die Iranpolitik bestimmt. Abkommen mit der Islamischen Republik können Risiken begrenzen oder Zeit gewinnen. Sie beseitigen aber weder die Ideologie des Regimes noch dessen Raketenarsenal, Revolutionsgarden oder regionale Terrorstrukturen.
Gerade darin liegt die Gefahr einer politischen Fehlinterpretation des Memorandums. Eine Ruhephase ist nicht dasselbe wie Frieden. Wenn Teheran gleichzeitig seine Raketenproduktion beschleunigt, seine militärische Führung neu ordnet und verbündete Terrororganisationen auf weitere Kämpfe vorbereitet, dann wird aus einer Feuerpause im schlimmsten Fall eine Vorbereitungsphase.
Der frühere amerikanische Diplomat und Iran-Unterhändler Alan Eyre beschrieb die Grundhaltung des Regimes gegenüber dem Wall Street Journal entsprechend als einen Zustand, in dem Krieg den Ausgangspunkt des iranischen Denkens bilde. Der iranische Verteidigungsanalyst Mohammad Hassan Sangtarash erklärte wiederum, in Teilen Irans herrsche die Auffassung, der eigentliche große Krieg habe noch gar nicht begonnen.
Für Israel ist genau diese Denkweise entscheidend. Die Frage lautet nicht allein, ob Teheran heute einen neuen Großangriff befiehlt. Entscheidend ist, welche Fähigkeiten das Regime morgen besitzt und welche Infrastruktur es während einer scheinbaren Ruhephase wiederherstellen kann.
Das Wall Street Journal berichtet, Iran repariere beschädigte Infrastruktur und stelle Zugänge zu Raketenstellungen schneller wieder her als teilweise erwartet. Gleichzeitig verfügt das Regime weiterhin über Möglichkeiten, amerikanische Einrichtungen, Schiffe und Energieanlagen in der Golfregion zu bedrohen.
Auch die Entwicklung an der Straße von Hormus zeigt, wie begrenzt der Erfolg des Memorandums geblieben ist. Mitte August war der Schiffsverkehr weiterhin erheblich beeinträchtigt. Reuters berichtete zuletzt über iranische Angriffe auf Schiffe und über neue amerikanische wirtschaftliche Drohungen gegen Teheran. Die Hoffnung, das Memorandum werde den strategisch entscheidenden Seeweg dauerhaft normalisieren, hat sich bislang nicht erfüllt.
Damit ergibt sich ein unbequemes Bild: Washington wollte mit der Vereinbarung möglicherweise Raum für Diplomatie schaffen. Teheran sah darin nach den jetzt veröffentlichten Erkenntnissen dagegen möglicherweise eine Atempause vor der nächsten Runde des Krieges und handelte entsprechend.
Das bedeutet nicht, dass Gespräche grundsätzlich falsch waren. Staaten müssen auch mit Feinden verhandeln können. Gefährlich wird Diplomatie aber dann, wenn eine Pause mit einer grundlegenden Veränderung des Gegners verwechselt wird.
Das iranische Regime hat seine Revolutionsgarden nicht entmachtet. Es hat seine regionalen Terrorpartner nicht aufgegeben. Es hat seine Raketen nicht abgeschafft. Und nach den neuen Erkenntnissen hat es die vergangenen Wochen offenbar nicht damit verbracht, sich auf eine friedliche Nachkriegsordnung vorzubereiten, sondern Möglichkeiten für eine noch größere Auseinandersetzung zu schaffen.
Für Israel ist das keine theoretische Erkenntnis. Es ist eine Sicherheitsfrage. Wer einen Gegner vor sich hat, dessen Führung selbst davon ausgeht, dass der große Krieg womöglich noch bevorsteht, kann sich den Luxus politischer Wunschvorstellungen nicht leisten.

