Computerberechnungen von bei Ausgrabungen in Jerusalem entdecktem römischem Arsenal von 70 n.Chr. demonstriert, dass der Bericht des jüdischen Historikers Josephus über die intensiven Kämpfe nahe der Dritten Mauer richtig ist.

Kfir Arbiv, Grabungsdirektor der Israelische Antikenbehörde, säubert einen 2.000 Jahre alten Katapultstein an einer Grabungsstätte im Russen-Gelände in Jerusalem. (Yoli Schwartz/Israelische Antikenbehörde)

Die Grabungsstätte im Russen-Gelände in Jerusalem: 2000 Jahre alte Katapultsteine von der römischen Eroberung 70 n.Chr. sind auf dem Boden zu sehen. (Yoli Schwartz/Israelische Antikenbehörde)

Speerspitze aus dem Kampf gegen die römische Armee 70 n.Chr. (Clara Amit/Israelische Antikenbehörde)

Zum ersten Mal in der Erforschung des antiken Jerusalem haben physische Beweise aus aktuellen Ausgrabungen den Bericht des jüdischen Historikers Josephus Flavius über die Eroberung der heiligen Stadt im Jahr 70 n.Chr. bewiesen.

Mit Hilfe von Computeranalysen von 2.000 Jahre alten Katapultsteinen, die bei Grabungen der Israelischen Antikenbehörde in Jerusalems Russen-Gelände nahe des heutigen Gebäudes der Stadtverwaltung Jerusalems entdeckt wurden, sagt der Archäologe Kfir Arbiv, er hat die Richtigkeit des von Josephus in seinem Buch „Die Geschichte des jüdischen Kriegs gegen die Römer“ aufgezeichneten Berichts bestätigt.

„Es ist extrem aufregend den Bericht von Josephus vor Ort zu beweisen“, sagte Arbiv der Times of Israel am Sonntag, an Tischa B’Av, dem jüdischen Trauertag, an dem jedes Jahr der Eroberungen Jerusalems gedacht wird.

Alle vor Ort gesammelten Danken wurden mit der zeitgenössischen Beschreibung einer Schlacht nahe der dritten Verteidigungslinie der Stadt verglichen – die als akkurat bewiesen wurden, sagte Arbiv. Das ist von Bedeutung, denn während Josephus‘ Geschichten eine der alleinigen zeitgenössischen Quellen des Falls Jerusalems sind, werden sie von Forschern mit Vorsicht behandelt, weil es sich um eine schillernde persönliche Geschichte handelt.

Der ca. 38 n.Chr. als Josef Ben Matthias in eine Priesterfamilie geborene Josephus war ein führender jüdischer Militärkommandant der jüdischen Revolte, bis er von den Römern 67 n.Chr. gefangen genommen wurde. In Ketten nach Rom gebracht gewann Josephus schließlich seine Freiheit wegen einer „Prophezeiung“, dass Vespasian Kaiser werden würde. Neu Rom gegenüber loyal kehrte Josephus mit Vespasians Sohn Titus für die Eroberung im Jahr 70 n.Chr. zurück, anscheinend um als Vermittler zu agieren. Von beiden Seiten verunglimpft, scheiterte Josephus darin die Flammen des Krieges zu unterdrücken und kehrte schließlich nach Rom  zurück, wo er seine Geschichten verfasste.

„Mit der Hilfe der Computer habe ich alle Ballisten genau dort lokalisiert, wo sie gefunden wurden. Ich habe die lokale Topographie und den Standort der Befestigungsmauern der Zeit des zweiten Tempels berücksichtigt und ich habe ballistische Berechnungen durchgeführt, einschließlich der Abschusswinkel und der Wurfdistanz der Steine“, sagte Arbiv, der die Grabungen zusammen mit Dr. Rina Avner von der IAA leitete. Die Forschung ist Teil von Arbivs Abschlussarbeit an der Universität Tel Aviv.

Die Grabungen beim Russen-Gelände in Jerusalem. 2.000 Jahre alte Katapultsteine von der römischen Eroberung im Jahr 70 n.Chr. sind am Boden zu sehen. (Yoli Schwartz/Israelische Antikenbehörde)

Laut der IAA gehören zum römischen Arsenal, das bei den Grabungen im Russen-Gelände bisher entdeckt wurde, hunderte Katapultsteine. Die Größen variieren und einige wurden von Hi-Tech-Wurfmaschinen über Distanzen von 100 bis 400 Metern verschossen, während andere, kleinere Schleudersteine von der Infanterie verwendet wurden. Antike Pfeilspitzen, Speer-Geschosse und Schwerter wurden an der Stelle ebenfalls entdeckt.

Arbiv sagte, durch Messungen der absoluten Höhe der lokalen Ballistik und die Verwendung eines Computer-Algorithmus war er in der Lage zu beweisen, dass der Radius des Abschüsse der gefallenen Steine mit den von Josephus beschriebenen 300 bis 400 Metern übereinstimmt.

Katapultsteine verschiedener Größen, die bei der römischen Eroberung Jerusalems 70 n.Chr. verwendet wurden; sie wurden kürzlich bei Grabungen im Russen-Gelände entdeckt. (Kfir Arbiv/Israelische Antikenbehörde)

„Es ist sehr aufregend die Geschichte zu lesen und dann zu sehen, wie sie sich vor deinen Augen abspielt“, sagte Arbiv der Times of Israel. „Einen 2.000 Jahre alten Felsen aufzulesen, den ein römischer Soldat einst in der Hand hatte und jetzt hältst du ihn in deiner Hand? Das ist staunenswert.“

Die Grabungen der IAA auf dem Russen-Gelände haben zuvor einen Teil der dritten Mauer aufgedeckt, die dritte Linie der Befestigungen, die das äußere Jerusalem umgaben.

Diese neue Forschung zielt um Teil darauf die wahrscheinlichen Stellen zu belegen, an denen die römische Armee erstmals in die Stadt eindrang. Zukünftige Anstrengungen werden sich wahrscheinlich diesem Thema zuwenden, sagte Arbiv.

Die Grabungsstelle im Russen-Gelände in Jerusalem. Am Boden sind 2.000 Jahre alte Katapult steine von der römischen Eroberung im Jahr 70 n.Chr. zu sehen. (Yoli Schwartz/Israelische Antikenbehörde)

Es gibt bereits Hinweise auf ungewöhnliche Aktivitäten bei der Grabung im Russen-Gelände. In der Nähe einer Stelle mit den Spitznamen „Katzenplatz“ entdeckten die Ausgräber eine starke Konzentration an Katapultsteinen, darunter einige nach Gebrauch zerbrochene. Laut Arbiv betrachtete die römische Armee das offenbar als einen strategischen Punkt und von hier wurden mehr als tausend Katapultsteine verschossen.

„Das überrascht nicht, denn wer immer diese Stelle kontrolliert, dominiert die gesamte Gegend und das Schicksal der Stadt. Das stimmt mit Josephus‘ Bericht überein, dass Titus befahl von der Nordwest-Seite der Stadtmauer aus in die Stadt einzudringen“, sagte Arbiv in einer Presseerklärung der IAA.

„Der Tempel wurde 70 n.Chr. zerstört, nachdem eine viermonatigen Belagerung und eine intensive Schlacht unter der Führung des römischen Generals Titus zur Eroberung der Stadt und der Unterdrückung der Revolte führte, die von den Juden vier Jahre zuvor begonnen wurde. Die Römer hatten eine gut ausgebildete, massive Armee, ausgerüstet mit den besten militärischen Innovationen ihrer Zeit. Das war eine gnadenlose Kriegsmaschine.“

 

Bei den Grabungen im Russen-Gelände gefundene riesige BallistenPfleilspitzen, die von Ballisten-Kampfmaschinen 70 n.Chr. verschossen wurden. (Kfir Arbiv/Israelische Antikenbehörde)

Im Gespräch am Sonntag beschrieb Arbiv seine ballistischen Recherchen als die Schlachtfelder der römischen Soldaten zum Leben erweckend.

„In den mehr als 150 Jahren, die wir das antike Jerusalem wissenschaftlich erforschen, ist das das erste Mal, dass wir ein Schlachtfeld haben wieder auferstehen lassen, das einen Bericht über die Eroberung Jerusalems beweist“, sagte er.

„Da ist die deutlichste und schönste Verbindung zu den historischen Ereignissen, die wir bisher haben“, sagte Arbiv.