Während der Norden Israels erneut unter Beschuss steht, weitet Jerusalem den Druck auf Hisbollah-Ziele bis Beirut aus. Teheran versucht zugleich, die Libanon-Front in die Gespräche mit Washington hineinzuziehen.

Israel erlebt einen weiteren Tag, an dem sich die Fronten nicht mehr voneinander trennen lassen. Im Norden heulen wieder Sirenen, aus dem Libanon werden Raketen und Drohnen abgefeuert, ein Maglan-Kämpfer fällt in Südlibanon durch eine Sprengdrohne, weitere Soldaten werden verletzt. Gleichzeitig ordnen Ministerpräsident Benjamin Netanyahu und Verteidigungsminister Israel Katz Angriffe auf Terrorziele im Dahiyeh-Viertel von Beirut an, dem Machtzentrum der Hisbollah in der libanesischen Hauptstadt. Währenddessen versucht Iran, die libanesische Front in die Gespräche mit den Vereinigten Staaten hineinzuziehen und erklärt, eine Waffenruhe zwischen Teheran und Washington müsse ausdrücklich auch den Libanon umfassen. Genau darin liegt die eigentliche Brisanz dieses Tages: Israel kämpft nicht gegen einen isolierten Gegner an der Grenze, sondern gegen eine iranisch geführte Achse, die versucht, jede Front miteinander zu verknoten.

Der unmittelbare Anlass für die israelische Entscheidung liegt in den wiederholten Angriffen der Hisbollah auf israelische Städte und Gemeinden. Netanyahu und Katz erklärten, die erneuten Verstöße gegen die Waffenruhe und die Angriffe auf israelische Bürger hätten den Befehl ausgelöst, Terrorziele im Dahiyeh-Viertel anzugreifen. Damit rückt Israel den Krieg wieder näher an jenen Ort, an dem die Hisbollah politisch, militärisch und symbolisch besonders stark verwurzelt ist. Dahiyeh ist für die Organisation nicht irgendein Stadtteil. Es ist Schaltzentrale, Schutzraum, Propagandakulisse und Machtsymbol zugleich.

Für Israel ist dieser Schritt ein Signal an die Hisbollah und an ihre Unterstützer in Teheran: Beirut darf nicht als sicherer Raum für eine Terrororganisation gelten, die den Norden Israels beschießt. Seit Monaten leben zehntausende Israelis mit der Frage, wann sie in ihre Häuser zurückkehren können, ob ihre Kinder wieder zur Schule gehen, ob Metulla, Kiryat Shmona, Margaliot, Manara und die Gemeinden im Galil wieder Normalität erleben können. Jeder Raketenalarm und jede Drohne zeigen, dass diese Normalität weiter unter Beschuss steht. Wer von Israel Zurückhaltung verlangt, muss erklären, wie lange ein Staat zulassen soll, dass seine Bürger an der Grenze zur Geisel einer iranischen Stellvertreterarmee werden.

Der Tod von Stabsfeldwebel Adam Tzarfati, einem 20 Jahre alten Kämpfer der Einheit Maglan, macht die Lage noch bitterer. Er fiel in der Nacht in Südlibanon durch den Treffer einer Sprengdrohne. Drei weitere Soldaten wurden verletzt, einer davon schwer. Nach israelischen Angaben ist er der 14. gefallene Soldat seit der im April ausgerufenen Waffenruhe mit der Hisbollah, die meisten von ihnen durch Sprengdrohnen mit Glasfasersteuerung. Diese Drohnen sind für Israel besonders gefährlich, weil sie schwerer zu stören sind und präzise gegen Kräfte im Feld eingesetzt werden können. Die Hisbollah führt also keinen symbolischen Grenzkonflikt, sondern einen technologisch weiterentwickelten Abnutzungskrieg gegen Israel.

Parallel dazu lief der Beschuss des Nordens weiter. Warnungen wurden in Kiryat Shmona, Metulla, Tel Hai, Kfar Giladi, Margaliot, Misgav Am, Manara und weiteren Orten ausgelöst. Auch in Regionen wie Safed, Rosh Pina, der oberen Galiläa und am See Genezareth wurden Alarme gemeldet. In Almagor war es demnach das erste Mal seit Beginn der Waffenruhe, dass Sirenen ertönten. Bereits zuvor hatten sich die Angriffe bis in Richtung Tiberias ausgeweitet. Das zeigt: Die Hisbollah versucht, die Front nicht klein zu halten, sondern den Druck schrittweise zu erhöhen.

Gleichzeitig tritt Iran immer offener als politischer Schirmherr der libanesischen Front auf. Der iranische Außenminister Abbas Araghchi erklärte, eine Waffenruhe zwischen Iran und den USA bedeute eindeutig eine Waffenruhe an allen Fronten, einschließlich Libanon. Ein Verstoß an einer Front sei demnach ein Verstoß gegen die gesamte Waffenruhe. Diese Aussage ist hochpolitisch. Teheran sagt damit im Grunde: Die Hisbollah ist Teil unserer Verhandlungsarchitektur. Wer die Hisbollah angreift, greift die von Iran beanspruchte regionale Ordnung an.

Damit versucht Iran, Israel strategisch zu fesseln. Die libanesische Front soll nicht mehr nur zwischen Israel und der Hisbollah behandelt werden, sondern als Bestandteil eines größeren Pakets mit Washington. Berichte aus libanesischen Quellen, die der Hisbollah nahestehen, deuten in dieselbe Richtung: Teheran habe Vermittlern aus Pakistan und Katar signalisiert, dass die Einbeziehung der Libanon-Front keine Verhandlungsmasse sei, sondern Bedingung. Hinzu kommen iranische Forderungen nach Aufhebung der Seeblockade gegen iranische Häfen und nach einem Abzug amerikanischer Kräfte aus der Golfregion.

Für Israel wäre eine solche Konstruktion gefährlich. Sie würde bedeuten, dass die Hisbollah indirekt unter den Schutz eines US-Iran-Verständnisses gestellt werden könnte. Eine Terrororganisation, die vom Libanon aus israelische Gemeinden bedroht, würde dadurch nicht entwaffnet, sondern diplomatisch abgeschirmt. Genau das kann Jerusalem nicht akzeptieren. Israel muss verhindern, dass Teheran über Verhandlungen mit Washington eine Art Schutzschirm für seine Stellvertreter errichtet.

Auch die Vereinigten Staaten bleiben direkt betroffen. Nach Berichten aus der Region wurden in Kuwait Warnungen ausgelöst, nachdem iranische Raketen und Drohnen auf amerikanische Kräfte gezielt haben sollen. Das US-Zentralkommando meldete nach israelischen Angaben die erfolgreiche Abwehr zweier iranischer ballistischer Raketen, die auf amerikanische Kräfte in Kuwait abgefeuert worden seien. Zugleich erklärte das amerikanische Militär, es habe in Iran defensive Angriffe gegen Radar-, Führungs- und Drohnenstellungen ausgeführt, nachdem Iran zuvor eine amerikanische MQ-1-Drohne abgeschossen habe. Diese Entwicklung zeigt, dass der Konflikt nicht auf Israel und Libanon begrenzt ist. Iran testet auch Washington.

US-Präsident Donald Trump erklärte parallel, Iran werde keine Atomwaffen besitzen und ein mögliches Abkommen enthalte weitreichende zusätzliche Regelungen. Damit widersprach er Berichten, die Verhandlungen würden das Nuklearthema ausklammern. Für Israel ist diese Klarstellung wichtig, aber sie genügt nicht. Entscheidend ist nicht nur, ob Iran formal auf Atomwaffen verzichtet, sondern ob seine Raketen, Drohnen, Stellvertreter und regionalen Erpressungsinstrumente wirksam begrenzt werden. Ein Abkommen, das Teherans nukleare Ambitionen anspricht, aber die Hisbollah in Libanon unangetastet lässt, würde Israels Sicherheitsproblem nicht lösen.

Der libanesische Präsident Joseph Aoun sprach sich unterdessen für Verhandlungen aus und erklärte, Gespräche seien ein sichererer Weg als Krieg, aber sie würden das Problem nicht sofort lösen. Diese Aussage klingt vernünftig, zeigt aber auch die Schwäche des libanesischen Staates. Beirut kann über Verhandlungen sprechen, doch die Hisbollah entscheidet mit Waffen über Krieg und Frieden. Solange eine iranisch gestützte Terrororganisation im Libanon eigene militärische Macht ausübt, bleibt der libanesische Staat nur begrenzt Herr seiner Lage.

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