Der Westen betrauert die toten Juden. Aber was ist mit den lebenden?

* von Melanie Phillips (übernommen von Heplev)

In Yad Vashem in Jerusalem werden am 23. Januar etwa 46 politische Führungskräfte und Royals, darunter Großbritanniens Prinz Charles, am fünften Welt-Holocaust-Forum teilnehmen, um den Holocaust-Gedenktag sowie den 75.  Jahrestag der Befreiung von Auschwitz zu begehen.

Bei diesem und zweifellos auch bei anderen solchen Gedenkveranstaltungen werden viele eloquente, wichtige und aufrichtige Beobachtungen zum Übel des Nationalsozialismus und des Judenhasses gemacht. Im heutigen Klima gibt es jedoch, was solche Gedenkfeiern angeht, etwas Beunruhigendes.

Angesichts des Ausbruchs physischer und verbaler Angriffe auf Juden in Großbritannien, Amerika und Europa könnte man sagten, dass es nie so wichtig gewesen ist, sich der Schrecken des Holocaust zu erinnern.

Aber der Westen strotzt vor Holocaust-Mahnmalen und -Museen, Schulen haben seit den 1980-er Jahren Holocaust-Bildung vermittelt. Und doch hat es seit der Niederlage des Nationalsozialismus nie eine solche Epidemie des Judenhasses in der westlichen Gesellschaft gegeben.

Darüber hinaus unterstützen einige der Länder, die in Yad Vashem repräsentiert sein werden, Leute, die Juden töten wollen. Sie finanzieren die Palästinenser, die mörderische und antijüdische  sowie antiisraelische Hetze herauspumpen.

Einige dieser Länder haben zudem Jahre lang vor der Völkermord-Agenda des iranischen Regimes gegenüber Israel und der jüdischen Diaspora die Augen verschlossen und haben sogar versucht trotz der US-Sanktionen weiter Milliarden Dollar an den Iran zu schleusen.

Um es ganz offen zu sagen: Es könnte so scheinen, dass der Westen, während der sich kollektiv wegen toter Juden an die Brust schlägt, weitgehend gleichgültig gegenüber den tödlichen Bedrohungen ist, die derzeit den lebenden drohen.

Zum Allerwenigsten ist klar, dass all dieses Holocaust-Gedenken und -Bildung den Antisemitismus nicht zurück in die Kompost-Kiste gesteckt hat.

Tatsächliche wird solcher Judenhass perverserweise am stärksten unter Linken propagiert, die ständig mit ihren antirassistischen und Anti-Nazi-Qualifikationen protzen.

Ohne den einen Faktor hinter einem komplexen Phänomen übertreiben zu wollen, zeigt dies zumindest zum Teil die tiefgreifenden Fehler in der Art auf, wie der Westen sich selbst gegenüber über den Holocaust geredet hat.

2016 beendete das Centre for Holocaust Education des University College London eine dreijährige Studie unter Abiturienten in England, wo der Holocaust das einzige verpflichtende Thema im nationalen Lehrplan für Geschichte ist. Obwohl die weit überwiegende Mehrheit der Schüler sagte, sie wollten dazu lernen, damit sie in der Lage sind, etwas Ähnliches nicht wieder geschehen zu lassen, gab es in ihrem Wissen verstörende Lücken.

Viele verstanden nicht, wer die Nazis waren oder dass sie Kollaborateure bei anderen Regimen hatten. Oder sie hatten nicht einmal eine Vorstellung davon, wie viele Juden ermordet wurden.

Während die Mehrheit wusste, dass Juden die Hauptopfer waren, hatten sie wenig Verständnis davon, weshalb sie verfolgt wurden. Schlimmer noch: Sie selbst warteten mit judenfeindlichen Stereotypen auf, von denen eine Reihe sich auf Juden als Einzelgruppe bezogen, die „reich sind“ oder „Macht haben“ und daher als Bedrohung wahrgenommen werden.

Solche verstörenden Befunde entstehen nicht nur als Folge von Ungenauigkeiten der Art und Weise, wie das Thema gelehrt wird, sondern sind das Ergebnis fundamentalerer Mängel. Denn die Geschichte des Holocaust hat man sich für den Dienst einer Reihe verschiedener Agenden angeeignet.

In Polen präsentieren Politiker und andere Obrigkeiten die einheimischen Polen als gleichwertige Opfer des Holocaust, wobei der von Polen bei den Gräueln an den Juden vor, während und nach der Nazizeit gespielte Teil ignoriert oder bestritten wird.

In Großbritannien, sagen Forscher, wird der Holocaust oft auf selbstgefällige Weise gelehrt, die sich auf die Rolle des Landes beim Sieg über den Nationalsozialismus konzentriert, während man es versäumt zu erwähnen, dass das Land auch die Juden in Nazi-Europa davon ausschloss, Zuflucht in Palästina zu finden – eine Politik, die den rechtlichen Verpflichtungen der Briten zur damaligen Zeit zuwider lief.

Holocaust-Bildung ist zudem dazu verwendet worden, einen gefährlichen moralischen und kulturellen Relativismus zu propagieren. Dem wird die Sensibilisierung der Kinder mit schädlichen kulturellen Stereotypen, Intoleranz und Entmenschlichung zugeschrieben. Aber ihre implizite Botschaft lautet, dass jeder in der Lage ist, etwas solch Böses zu tun.

Als Ergebnis davon tendiert man dazu, den Holocaust mit anderen Massakern zusammenzuklammern. Nach Angaben von Mike Levy, einem Holocaust-Lehrer in Cambridge (England), „liegt eine Atmosphäre der Erschöpfung in der Luft, wenn es um Gespräche über den Holocaust geht“, wobei Schüler und Lehrer „mehr über andere Völkermorde lernen“ wollen und ihn damit kontextualisieren. Er schrieb: „Kinder müssen gelehrt werden, dass es keinen Wettkampf darum gibt, welcher Völkermord schlimmer ist.“

Der angesehene Holocaust-Forscher Professor Yehuda Bauer hat gesagt: „Der Holocaust wird zu oft in vage Lektionen der Gefahren von Hass oder Vorurteil umgemünzt, auf Kosten des wirklichen Versuchs die Gründe und Motivationen für den Völkermord zu verstehen.“

Folglich entwickelte sich die Ansicht, dass jeder ein Nazi sein kann und dass es nichts Besonderes daran gab, wie die Juden zu Opfern gemacht wurden. Und von diesem Standpunkt aus ist es nur ein kleiner Schritt in die falsche und böswillige Ansicht gewesen – die man immer wieder zu hören bekommt – dass die Juden Israels letztlich den Palästinensern das antun, was ihnen selbst angetan wurde.

Es ist nicht nur Israel, das dieser falschen Gleichsetzung zum Opfer fällt. Jeder, der anerkannter linker Weisheit widerspricht, wird voraussichtlich als Faschist oder Nazi bezeichnet. Das sind lässig verwendete Schmähworte geworden, Waffen für Rufmord, um Menschen mit widersprechenden Ansichten zum Schweigen zu bringen, indem sie fälschlich nicht nur als starrköpfig, sondern als übel etikettiert werden.

2018 zitierte Edna Friedberg vom United States Holocaust Memorial Museum in Washington DC beunruhigende Beispiele solcher „salopper Analogisierung“. Konservative Medienschaffende hatten Schüler mit der Hitlerjugend verglichen, weil sie die Waffengesetze verschärfen wollten; dabei verbanden sie die Bilder dieser Schüler  mit historischem Filmmaterial von Nazi-Kundgebungen.

Auf der anderen Seite des politischen Spektrums sind Anschuldigungen mit „Nationalsozialismus“ und „Faschismus“ in Hülle und Fülle vorhanden, die gegen Bundesbehörden erhoben werden; Grund ist der Umgang mit Kindern, die an der US-Grenze mit Mexiko von ihren Eltern getrennt werden.

„Denken Sie daran, dass andere Regierungen Kinder in Lager steckten“, ist ein typischer Schlachtruf solcher Kreise. Ein ehemaliger CIA-Chef, der Kritik an der Politik gegenüber illegalen Migranten twitterte, verwendete sogar ein historisches Foto der nach Auschwitz führenden Gleise.

Solcher moralisch bankrotter Relativismus ist verbunden mit einem Versagen die Einzigartigkeit sowohl des jüdischen Volks als auch des Antisemitismus zu begreifen, der sie seit frühester Zeit verfolgt.

Es ist klar, dass der Fokus auf der Bildung nicht auf dem Holocaust hätte liegen sollen, sondern auf der Kultur, die auszulöschen er sich vorgenommen hatte. Der Westen hätte sich zum jüdischen Volk und seine Geschichte bilden müssen. Das wäre der korrekte Weg gewesen, den Holocaust zu kontextualisieren.

Natürlich ist es unbestreitbar, dass alle möglichen Leute in der Lage sind, anderen fruchtbare Dinge anzutun. Die Geschichte gibt uns zahllose Beispiele und es gibt heutzutage keinen Mangel daran.

Aber der Nazi-Genozid an den Juden war einzigartig, weil der deutsche Nationalsozialismus einzigartig war. Sein Haupt-Antreiber war nicht Rassismus, wie es die Leute heute nennen, oder Hass auf „den anderen“, auch nicht seine entmenschlichende Sicht auf bestimmte Gruppen in der Gesellschaft – eine Sicht, die die Nazis mit einem Großteil der progressiven westlichen Meinung im 19. und frühen 20. Jahrhundert teilten.

Stattdessen war der Kern des deutschen Nationalsozialismus sein Antisemitismus – seine paranoide und geistesgestörte Sicht auf das jüdische Volk als üble Verschwörung absolut übernatürlichen Ausmaßes, das daher vom Angesicht der Erde getilgt werden musste.

Das ist nicht als eine andere Form des Vorurteils, Fanatismus oder Hasses nachvollziehbar oder erkennbar. Er war und ist allein den Juden vorbehalten.

Solange der Judenhass nicht als das einzigartige Phänomen erkannt wird, der er ist – und solange die Kinder des Westens nicht die Geschichte des jüdischen Volks und seine Beiträge zur Zivilisation gelehrt werden – werden weder Holocaust-Mahnmale und -Museen noch Bildungsmaterialien sie die wahre Bedeutung von „nie wieder“ lehren.

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