Neue DNA-Analyse: Verschiedene Mutationsereignisse führten zum modernen Menschen

  • von Roland M. Horn

Symbolbild: Evolution des modernen Menschen. (Illu.)
Copyright/Quelle: jplenio / qimoni (viaPixabay.com) / Pixabay License (nach Andreas Müller)

Einmal mehr gibt es eine neue Variante zum evolutionären Werden des Menschen. Wie Andreas Müller auf seinem Blog grenzWissenschaft-Aktuell.de berichtet, zeigt eine neue Studie, dass kein linearer Prozess, sondern mehrere gezielte Mutationsschübe zur Entwicklung von Frühmenschen bis hin zum modernen Menschen, dem Homo sapiens, führten. Einzelne Schlüsselmutationen oder gar “Menschwerdungs-Gene” schließen die Forscher aus.

Im Nature-Fachjournal “Scientific Reports” (DOI: 10.1038/s41598-022-13589-0) berichteten die Wissenschaftler Alejandro Andirkó und Prof. Cedric Boeckx von der Universidad de Barcelona und ihr Team am 15.06.2022, dass viele für den modernen Menschen charakteristische Genvarianten und damit verbundene Eigenschaften vor über 100.000 Jahren entstanden. Vor 40.000 Jahren folgte ein weiterer Schub, der vor allem das Gehirn und das Verhalten betrat. Dieser evolutionäre Schritt fiel demnach zeitgleich mit der Auswanderung des Homo sapiens aus Afrika, dem Anwachsen der Population und deren Ausbreitung in Eurasien zusammen.

Durch neue Analysemethoden entsteht derzeit zusehends ein tieferes Verständnis über die Geschichte unserer Art. Dennoch ist es schwer, genau zu bestimmen, wann bestimmte genetische Varianten, die uns von anderen Menschenarten unterscheiden, entstanden sind. In unserer Studie haben wir diese verschiedenen Varianten erstmals zeitlich zugeordnet”, sagt Andrikó und weiter: “Dabei haben wir entdeckt, wie sich diese Varianten über die Zeitlinie hinweg gehäuft haben. Diese Häufungen markieren beispielsweise jenen Punkt vor etwa 100.000 Jahren, an dem sich der Homo sapiens von anderen Menschenarten getrennt hat.

Auch Unterschiede in den einzelnen evolutionären Perioden zeigte die Studie. “So stimmt etwa die Entstehung der Genvarianten für das charakteristische Verhalten und die flache Gesichtsstruktur des Homo sapiens, die uns von anderen Menschenarten unterscheidet, zeitlich auch mit den ersten, diese Eigenschaften unterstützenden archäologischen Funden aus einer Zeit vor rund 300.000 bis 500.000 Jahren überein“, schreibt Müller.

Die Wissenschaftler untersuchten weiter Genvariationen, die sich auch auf die Entwicklung des Gehirns ausgewirkt hätten und zugleich ebenso das reichhaltige Repertoire unser modernen menschlichen Verhaltens erklären, z. B. die Entwicklung eines größeren Volumen verschiedener Hirnregionen wie dem Kleinhirn oder des Hirnbalkens (Corpus Callosum): “Wir können zeigen, dass Hirngewebe bestimmte genomische Ausdrucksprofile zu unterschiedlichen Zeiten in unserer Geschichte aufweisen. Bestimmte Gene, die mit der neuronalen Entwicklung in Verbindung stehen, waren zu bestimmten Zeiten stärker ausgeprägt als zu anderen.

Müller schreibt: “Die Ergebnisse der Studie vervollständigen demnach eine mittlerweile in der evolutionären Anthropologie vorherrschende Vorstellung, dass es keine lineare Entwicklungsgeschichte unserer Art gibt, sondern dass stattdessen unterschiedliche Arme unseres evolutionären Stammbaums zeitweise nebeneinander koexistiert und sich miteinander gekreuzt haben,” um aber gleich ergänzend hinzuzufügen: “Allerdings war diese Vorstellung nicht immer schon vorherrschend. Lange Zeit gingen Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen davon aus, dass die Evolution des Homo sapiens geradlinig, linear verlief und im modernen Menschen gipfelte.” Bekräftigend schreibt er “Die große Bandbreite der menschlichen Diversität in der Vergangenheit hat Anthropologen aber von jeher überrascht. Selbst zum Homo sapiens gibt es Fossilfunde (etwa jene von Jebel Irhoud; …GreWi berichtete), die Merkmale aufweisen, anhand derer einige Wissenschaftler zweifelten, dass es sich um moderne Menschen handelte und die lange Zeit archaischen Arten zugeschrieben wurden. Deswegen sprechen wir nun auch eher von einem evolutionären Mosaik,” Andirkó zitierend, der weiter sagt: “Dieses Bild passt zu der Vorstellung, dass es keine Beweise dafür gibt, dass es nur ein oder nur sehr wenige Schlüsselmutationen oder spezielle Menschwerdungs-Gene gab, die uns zum modernen Menschen machten,” und Müller schließt den Artikel mit den Worten: “Vielmehr waren es viele und teilweise kleine Variationen, die zu Veränderungen führten, die uns zu dem machten, was wir heute sind.

Erstveröffentlichung auf Atlantisforschung.de

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