Israels Botschafter in den Vereinigten Staaten, Yechiel Leiter, hat eine Botschaft ausgesprochen, die in jeder ehrlichen Debatte über den Libanon im Mittelpunkt stehen müsste: Der Kern des neuen Rahmens mit Beirut ist nicht der schnelle Rückzug Israels. Der Kern ist die Entwaffnung der Hisbollah. Erst wenn die libanesische Armee südlich des Litani tatsächlich die Kontrolle ausübt und die Hisbollah dort keine bewaffnete Präsenz mehr hat, kann über Israels Abzug aus der Sicherheitszone gesprochen werden.

Das klingt hart nur für jene, die den Libanon gern ohne Hisbollah denken, obwohl die Realität eine andere ist. Für Israel ist es eine nüchterne Lehre aus Jahren der Raketen, Tunnel, Drohnen, Panzerabwehrstellungen und iranischer Steuerung. Kein Staat würde seine Grenze räumen, wenn auf der anderen Seite eine Terrorarmee wartet, die im Namen Teherans handelt und deren erklärtes Ziel nicht die Verwaltung libanesischer Innenpolitik ist, sondern der Druck auf Israel.

Leiter, der die israelische Delegation bei den Verhandlungen führte, sagte im Podcast des Jewish People Policy Institute, der Schwerpunkt des Abkommens liege auf der Zerschlagung der Hisbollah, nicht auf dem israelischen Rückzug. Genau diese Reihenfolge ist entscheidend. Nicht zuerst Abzug und dann Hoffnung. Sondern zuerst Kontrolle, Entwaffnung, staatliche Verantwortung und erst danach ein israelischer Schritt. Alles andere wäre keine Diplomatie, sondern die Wiederholung eines alten Fehlers: Israel gibt Raum auf, die Terrororganisation füllt ihn.

Der Libanon hat dabei eine Wahl, die seit Jahren verdrängt wird. Entweder wird er ein Staat, dessen Armee das eigene Territorium kontrolliert, oder er bleibt ein Land, in dem eine iranisch gelenkte Miliz über Krieg und Frieden entscheidet. Die Hisbollah ist nicht nur ein Problem Israels. Sie ist auch das zentrale Hindernis für libanesische Souveränität. Wer fordert, Israel müsse einfach abziehen, ohne diese Machtfrage zu lösen, verlangt im Ergebnis, dass der Süden des Libanon wieder zur vorgeschobenen Front der Mullahs wird.

Sicherheit ist keine Frist im Kalender

In Europa und bei den Vereinten Nationen wird gern über Zeitpläne gesprochen. Wann zieht Israel ab? Wann endet die Sicherheitszone? Wann wird Normalität sichtbar? Diese Fragen klingen vernünftig, aber sie werden gefährlich, wenn sie die eigentliche Bedingung überspringen. Nicht der Kalender schützt israelische Familien im Norden. Nicht eine diplomatische Formulierung verhindert Raketenstellungen nahe der Grenze. Nicht eine Pressekonferenz in Washington nimmt der Hisbollah ihre Waffen.

Entscheidend ist, was am Boden geschieht. Hat die libanesische Armee die Fähigkeit und den politischen Willen, die Hisbollah aus dem Gebiet südlich des Litani zu entfernen? Werden Waffenlager geschlossen? Werden Raketenstellungen abgebaut? Werden Tunnel, Depots und Beobachtungspunkte beseitigt? Wird die Grenze so gesichert, dass israelische Ortschaften nicht wieder Geiseln der nächsten iranischen Entscheidung werden?

Leiters Aussage ist deshalb wichtig, weil sie den Maßstab zurechtrückt. Israel hat kein Interesse daran, dauerhaft im Libanon zu bleiben. Israel hat aber sehr wohl die Pflicht, nicht blind in eine Lage zurückzukehren, in der die Hisbollah unter dem Schutz libanesischer Schwäche erneut aufrüstet. Wer Israel zu einem Abzug drängen will, muss zuerst erklären, wer danach die Verantwortung für die Sicherheit übernimmt.

Dabei darf man den politischen Mut dieses Abkommens nicht unterschätzen. Ein Rahmen, der die Entwaffnung der Hisbollah ins Zentrum stellt, trifft das Herz der iranischen Architektur im Libanon. Teheran hat über Jahrzehnte ein System aufgebaut, in dem die Hisbollah zugleich Partei, Miliz, Sozialapparat, Abschreckungsinstrument und regionaler Hebel ist. Ein echter libanesischer Staat kann daneben kaum entstehen. Genau deshalb ist der Kampf um die Umsetzung dieses Abkommens nicht nur ein Grenzthema. Er ist eine Machtfrage für den gesamten Libanon.

Leiters zweite Warnung richtet sich nach innen

Bemerkenswert an Leiters Interview ist jedoch nicht nur seine klare Linie zum Libanon. Der Botschafter sprach auch über den Schaden, den israelische Politiker selbst anrichten können, wenn sie Israel in Washington und in der amerikanisch-jüdischen Öffentlichkeit unnötig angreifbar machen.

Leiter bezog sich auf seine Kritik an Itamar Ben-Gvir, nachdem dieser Videos veröffentlichte, die festgesetzte pro-palästinensische Flottillenaktivisten in erniedrigenden Situationen zeigten. Der Botschafter sagte sinngemäß, diplomatisches Protokoll verbiete ihm eigentlich, gewählte Politiker öffentlich zu kritisieren. Aber wenn etwas Israels Ansehen schwer beschädige, Israel beschäme und den schlimmsten Feinden des Landes Material liefere, werde er sprechen.

Das ist ein Satz, den man in Jerusalem ernst nehmen sollte. Israel hat jedes Recht, provokative Flottillen zu stoppen, wenn sie Sicherheitsrisiken schaffen oder
politische Inszenierungen gegen die Blockade der Hamas ermöglichen sollen. Aber Festgesetzte vorzuführen, ist etwas anderes. Ein Staat, der sich gegen Terror verteidigt, darf nicht so handeln, dass seine Gegner die Bilder bekommen, die sie brauchen. Stärke besteht nicht darin, Gefangene zu demütigen. Stärke besteht darin, Recht, Sicherheit und Würde gerade dann zu wahren, wenn die andere Seite auf Propaganda hofft.

Leiter sprach auch über Aussagen von Ministern wie Bezalel Smotrich und Ben-Gvir sowie über jüdische Gewalt in Judäa und Samaria. Seine Formulierung war schlicht: Dinge, die nicht gesagt werden sollten, sollten nicht gesagt werden. Das ist keine Schwäche gegenüber Israelkritikern. Es ist politische Disziplin. Israel steht unter einem Brennglas. Jeder Satz, jedes Video, jede Prahlerei wird in Washington, Brüssel, New York und in den Medien sofort gegen das Land verwendet. Wer das weiß und trotzdem billig provoziert, kämpft nicht für Israel. Er erschwert seine Verteidigung.

Der Botschafter erklärte zugleich den Zustand der israelischen Gesellschaft nach dem 7. Oktober. Israel sei ein Volk im Trauma, sagte er. Nicht nach dem Trauma, sondern mitten darin. Tote, Verwundete, Vertriebene, Geiseln, Soldatenfamilien, zerstörte Gemeinden, ein Land im Ausnahmezustand. Dieser Kontext muss verstanden werden. Aber er entschuldigt nicht jeden Ton und jede Entgleisung. Gerade ein verwundetes Land braucht Führungsdisziplin.

Besonders deutlich wurde Leiter bei den Äußerungen von May Golan über Reformjuden. Er nannte sie unerträglich und verwerflich und sah sich veranlasst, persönlich bei Reformrabbinern um Entschuldigung zu bitten. Er sagte, er vertrete nicht nur die israelische Regierung, sondern auch das Volk Israel gegenüber den Juden in den Vereinigten Staaten. Das ist ein entscheidender Punkt. Israel ist der Staat des jüdischen Volkes, nicht der Staat einer einzigen religiösen oder politischen Strömung. Wer amerikanische Juden, Reformjuden oder liberale jüdische Gemeinden verächtlich macht, beschädigt eine Verbindung, die für Israel strategisch und menschlich von großer Bedeutung ist.

Gleichzeitig hielt Leiter an seiner scharfen Kritik an J Street fest. Eine Organisation, die sich pro-israelisch nennt, aber im Kongress gegen israelische Regierungspolitik arbeitet, besonders bei Fragen eines Waffenembargos, stelle sich außerhalb des jüdischen Zeltes, sagte er sinngemäß. Diese Formulierung bleibt umstritten. Doch sie zeigt, wie angespannt die Debatte in den USA geworden ist. Israel braucht Unterstützung in Washington nicht als Parteifolklore, sondern als Lebensversicherung. Wer in Kriegs- und Bedrohungslagen Waffenlieferungen schwächen will, muss sich harte Kritik gefallen lassen.

Der Kern des Interviews liegt damit in einer doppelten Botschaft. Nach außen gilt: Israel darf den Libanon erst verlassen, wenn die Hisbollah als bewaffnete Macht dort tatsächlich verschwunden ist. Nach innen gilt: Israel darf seinen Feinden nicht durch eigene Worte und Bilder helfen.

Beides gehört zusammen. Sicherheit entsteht nicht nur durch Panzer, Drohnen und Abkommen. Sie entsteht auch durch politische Klarheit, diplomatische Disziplin und das Bewusstsein, dass Israel jeden Tag um Verständnis ringen muss. Der Libanon-Rahmen kann nur funktionieren, wenn die Hisbollah entwaffnet wird. Israels internationale Stellung kann nur halten, wenn seine Vertreter nicht selbst Munition für die Gegner liefern.

Yechiel Leiter hat damit keine bequeme Botschaft formuliert. Aber eine notwendige. Israel muss hart bleiben, wo seine Sicherheit auf dem Spiel steht. Und klug bleiben, wo seine moralische und diplomatische Verteidigung beginnt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen