136 getötete UN-Mitarbeiter wurden in New York feierlich geehrt. Unter ihren Namen befand sich Imad Yousif El Samhouri, ein langjähriger UNRWA-Schulleiter, den ein Hamas-Video als Kommandeur der Al-Qassam-Brigaden zeigt.

Es sollte eine würdige Gedenkfeier werden. Am 8. Juni versammelten sich die Vereinten Nationen in New York, um 136 Mitarbeitern zu gedenken, die im Jahr zuvor im Dienst der UN ums Leben gekommen waren. UN-Generalsekretär António Guterres und die Präsidentin der UN-Generalversammlung, Annalena Baerbock, nahmen an der Zeremonie teil. Eine „ewige Flamme“ wurde entzündet, die Namen der Verstorbenen wurden einzeln verlesen. Die Vereinten Nationen selbst dokumentierten die Veranstaltung und erklärten, man ehre Mitarbeiter, die im Dienst der Organisation ihr Leben verloren hätten.

Einer dieser Namen war Imad Yousif El Samhouri.

Bei den Vereinten Nationen galt er als Mitarbeiter des Palästinenserhilfswerks UNRWA, als Lehrer und langjähriger Schulleiter im Gazastreifen. Sein Name wurde während der Gedenkveranstaltung verlesen. Für ihn galt dieselbe Würdigung wie für die anderen verstorbenen UN-Mitarbeiter.

Zwei Monate später sieht dieser Moment vollkommen anders aus.

UN Watch hat umfangreiches Material über El Samhouri veröffentlicht. Darunter befindet sich ein Video, das die Organisation als Märtyrerfilm der Hamas bezeichnet. Darin wird El Samhouri nach Darstellung von UN Watch als Feldkommandeur des Muhammad-al-Shamali-Bataillons der Al-Qassam-Brigaden geführt, also des militärischen Arms der Hamas. Das veröffentlichte Material zeigt einen Mann in militärischem Umfeld, mit Waffen und in Tunneln. In dem Video erklärt El Samhouri unter anderem, der Dschihad sei der gewählte Weg. Er spricht über die Tunnel, aus denen Kämpfer gegen den „zionistischen Feind“ hervorkommen würden.

Das israelische Außenministerium hat die Vorwürfe inzwischen öffentlich aufgegriffen und fordert die Vereinten Nationen auf, die Ehrung zurückzunehmen. Jerusalem formuliert den Vorwurf unmissverständlich: Die UN hätten einen Hamas-Terroristen geehrt. Guterres und Baerbock könnten sich nicht mehr darauf zurückziehen, nichts gewusst zu haben.

Und genau hier wird aus einer peinlichen Gedenkpanne ein wesentlich größeres Problem.

Lehrer am Vormittag, Hamas-Kommandeur im Untergrund

Nach den von UN Watch veröffentlichten Unterlagen war El Samhouri nicht irgendein kurzfristig beschäftigter Helfer. Er soll über viele Jahre an UNRWA-Schulen gearbeitet und dort auch Führungsverantwortung getragen haben. Zugleich zeigen öffentlich zugängliche Aufnahmen und Beiträge nach Darstellung der Organisation enge Verbindungen zu Hamas-Funktionären.

Besonders schwer wiegt der Vorwurf, dass diese beiden Welten nicht sauber voneinander getrennt gewesen sein sollen. UN Watch dokumentiert Auftritte von Hamas-Funktionären an UNRWA-Schulen und wirft El Samhouri vor, Schüler für Hamas-nahe Organisationen interessiert beziehungsweise angeworben zu haben. Das Material soll außerdem Fotos mit Funktionären sowie Beiträge enthalten, in denen Gewalt gegen Israelis verherrlicht wurde.

Man muss nicht jede Schlussfolgerung von UN Watch ungeprüft übernehmen, um zu erkennen, wie schwerwiegend der Fall ist. Entscheidend ist zunächst etwas viel Einfacheres: Wenn das veröffentlichte Hamas-Material authentisch ist und El Samhouri tatsächlich als Feldkommandeur der Al-Qassam-Brigaden tätig war, dann konnte ein militärischer Funktionär einer Terrororganisation offenbar jahrelang gleichzeitig Kinder innerhalb eines von den Vereinten Nationen finanzierten Schulsystems unterrichten und Schulen leiten.

Und am Ende wurde er von genau dieser Weltorganisation feierlich geehrt.

Das ist nicht irgendeine Personalfrage.

Israel warnt seit Jahren davor, dass das Problem bei UNRWA nicht mit einigen wenigen Mitarbeitern erklärt werden kann. Inzwischen liegen zahlreiche Fälle vor, in denen Lehrern, Schulleitern, Sicherheitskräften und anderem Personal Verbindungen zur Hamas oder zum Palästinensischen Islamischen Dschihad vorgeworfen werden. Nach dem Massaker des 7. Oktober musste selbst UNRWA-Mitarbeiter entlassen, gegen die schwere Vorwürfe erhoben worden waren. Zuletzt wurden mehr als 100 gegenwärtige oder frühere UNRWA-Mitarbeiter aufgrund möglicher Hamas-Verbindungen oder einer Beteiligung am 7. Oktober an das US-Außenministerium gemeldet. haOlam hat über diese Fälle wiederholt berichtet.

Der Fall El Samhouri stellt deshalb erneut dieselbe unangenehme Frage: Wie viele Warnzeichen braucht eine Organisation, bevor aus angeblichen Einzelfällen ein strukturelles Problem wird?

UN Watch behauptet, El Samhouri habe seine Nähe zur Hamas keineswegs perfekt verborgen. Sein Umfeld, seine sozialen Netzwerke und sein Auftreten seien öffentlich sichtbar gewesen. Sollte das stimmen, wäre die nächste Frage noch unangenehmer: Hat UNRWA nichts gewusst oder wollte innerhalb der Organisation niemand genau hinsehen?

Beides wäre verheerend.

Besonders bitter ist die Symbolik der Gedenkveranstaltung. Guterres sprach dort über die getöteten UN-Mitarbeiter mit großer Wärme. Nach Angaben der Vereinten Nationen wurden Menschen geehrt, die ihr Leben im Dienst der Organisation verloren hatten. Guterres würdigte ihre Arbeit und ihr Engagement.

Für Menschen in Israel bekommt diese Sprache eine vollkommen andere Bedeutung, wenn sich unter den Geehrten tatsächlich ein Hamas-Kommandeur befand.

Denn die Al-Qassam-Brigaden sind nicht irgendeine palästinensische politische Gruppierung. Sie bilden den militärischen Arm der Hamas, jener Terrororganisation, die am 7. Oktober 2023 in Israel mordete, Menschen verschleppte und ganze Familien auslöschte.

Eine „ewige Flamme“ für einen ihrer Kommandeure wäre deshalb nicht bloß ein organisatorischer Fehler auf einer Namensliste.

Sie wäre ein Symbol für das gesamte Versagen rund um UNRWA.

Baerbock steht nicht zufällig im Mittelpunkt der Kritik

Für Annalena Baerbock ist der Fall zusätzlich unangenehm. Sie nahm an der Gedenkveranstaltung nicht als deutsche Außenministerin teil, sondern als Präsidentin der 80. UN-Generalversammlung. Dieses Amt bekleidet sie noch bis zum Beginn der nächsten Sitzungsperiode im September.

Doch ihre frühere Rolle als Außenministerin lässt sich davon politisch kaum trennen.

Deutschland gehörte während ihrer Amtszeit zu den wichtigsten Geldgebern der UNRWA. UN Watch beziffert die deutsche Unterstützung während Baerbocks Jahren im Auswärtigen Amt auf insgesamt rund 570 Millionen Euro und erinnert daran, dass die Bundesregierung trotz wiederholter Warnungen an der Finanzierung festhielt beziehungsweise sie nach Unterbrechungen wieder aufnahm. Die Organisation richtet deshalb einen Teil ihres offenen Briefes ausdrücklich an Baerbock.

Hier sollte man fair bleiben: Natürlich hat Annalena Baerbock nicht persönlich die Personalakten zehntausender UNRWA-Mitarbeiter in Gaza überprüft. Ebenso wenig kann man ihr unterstellen, sie habe bei der Zeremonie bewusst einen Hamas-Kommandeur ehren wollen. Dafür gibt es keinerlei Beleg.

Aber genau deshalb ist die Forderung nach Aufklärung so berechtigt.

Baerbock und Guterres konnten am 8. Juni möglicherweise nicht wissen, wer El Samhouri wirklich war.

Jetzt können sie es wissen.

Und von diesem Moment an verändert sich die Verantwortung.

UN Watch fordert eine unabhängige Untersuchung, die Rücknahme der Würdigung und eine Entschuldigung gegenüber den Opfern der Hamas. Vor allem will die Organisation wissen, wie ein Mann, der nach dem vorgelegten Material gleichzeitig Hamas-Kommandeur gewesen sein soll, über Jahre hinweg im UNRWA-Schulsystem tätig sein konnte.

Diese Frage darf nicht wieder in einer internen Untersuchung verschwinden, deren Ergebnis Monate später kaum jemand liest.

Die Vereinten Nationen müssen erklären, wer El Samhouri überprüft hat. Sie müssen erklären, welche Informationen UNRWA über ihn besaß. Sie müssen erklären, warum öffentlich zugängliche Hinweise offenbar keine Konsequenzen hatten. Und sie müssen erklären, ob seine mögliche Doppelrolle innerhalb seiner Schulen tatsächlich niemandem aufgefallen sein soll.

Das ist auch deshalb wichtig, weil der Fall weit über einen einzelnen Toten hinausgeht.

Wenn ein Hamas-Kommandeur als UN-Lehrer arbeiten kann, dann besitzt die Terrororganisation Zugang zu Kindern, Schulen, internationalen Geldern und dem Schutzschild einer Organisation, die weltweit als humanitär und neutral wahrgenommen wird.

Genau davor warnt Israel seit Jahren.

Und immer wieder wurde Jerusalem vorgeworfen, UNRWA pauschal diskreditieren zu wollen.

Doch die Fälle werden nicht weniger. Sie werden mehr.

Nun reicht das Problem bis in eine der feierlichsten Zeremonien der Vereinten Nationen. Ein Mann wird als gefallener UN-Mitarbeiter geehrt, während Hamas ihn nach den vorgelegten Aufnahmen als einen ihrer militärischen Kommandeure präsentiert.

Mehr Symbolik für das Versagen dieses Systems ist kaum möglich.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr, ob Guterres und Baerbock am 8. Juni davon wussten.

Die entscheidende Frage lautet, was sie jetzt tun, nachdem die Vorwürfe und das Material öffentlich auf dem Tisch liegen.

Schweigen wäre keine neutrale Antwort.

Es wäre die Fortsetzung genau jenes Wegsehens, das UNRWA seit Jahren vorgeworfen wird.

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