Öl fließt wieder, der Rial fällt: Irans Atomprogramm wird zum entscheidenden Risiko

Öl fließt wieder, der Rial fällt: Irans Atomprogramm wird zum entscheidenden Risiko

Die Golfexporte erholen sich, während Teherans Wirtschaft unter Sanktionen und Blockade weiter abrutscht. Zugleich wächst in Iran die Debatte über einen Austritt aus dem Atomwaffensperrvertrag, während zentrale Fragen zum Nuklearprogramm weiter ungeklärt sind.

Wer derzeit nur auf die Straße von Hormus blickt, könnte den Eindruck gewinnen, die gefährlichste Phase des Konflikts mit Iran sei vorerst überwunden. Tatsächlich hat sich der Ölfluss aus der Golfregion deutlich erholt. Nach Daten des Schiffsbeobachters Kpler erreichten die Rohölexporte wichtiger Produzenten im September rund 16,3 Millionen Barrel täglich und damit den höchsten Stand seit Beginn des Krieges Ende Februar. Vor dem Krieg waren es im Februar rund 19,5 Millionen Barrel. Auch durch Hormus selbst fließen wieder erhebliche Mengen, obwohl Teheran politisch weiter von einer geschlossenen oder nur unter Bedingungen zu öffnenden Meerenge spricht. Saudi-Arabien hat zusätzlich seine Ost-West-Pipeline Richtung Rotes Meer teilweise wieder in Betrieb genommen, die Vereinigten Arabischen Emirate verfügen ohnehin über Exportmöglichkeiten außerhalb von Hormus, und amerikanische Streitkräfte sichern den Schiffsverkehr. Irans Fähigkeit, die Weltwirtschaft allein mit der Drohung einer vollständigen Sperrung der Meerenge unter Druck zu setzen, ist damit kleiner geworden.

Das bedeutet allerdings keine Rückkehr zur Normalität. Tanker fahren teilweise mit ausgeschalteten Transpondern, Umladungen auf See und militärische Sicherung verteuern den Transport, und nach neuen Angriffen auf Schiffe brach der registrierte Verkehr zeitweise erneut deutlich ein. Brent-Rohöl liegt weiter über 100 Dollar je Barrel. Raffinierte Produkte wie Diesel und Flugtreibstoff erreichen noch längst nicht wieder die früheren Mengen. Hormus bleibt deshalb ein gefährlicher militärischer und wirtschaftlicher Hebel Teherans, aber nicht mehr der Hebel, der er zu Beginn des Krieges war. Genau diese Veränderung verschiebt die strategische Frage: Wenn Iran die Golfexporte nicht dauerhaft abwürgen kann, Washington gleichzeitig den wirtschaftlichen Druck erhöht und das Regime trotzdem nicht zusammenbricht, rückt wieder das Problem in den Mittelpunkt, das Israel seit Jahren als existenziell betrachtet: das iranische Atomprogramm.

Wirtschaftlicher Druck ist enorm, aber kein Regimewechsel auf Bestellung

Auch bei der iranischen Wirtschaft sprechen die Zahlen eine deutliche Sprache. Der Rial fiel Anfang Oktober auf ein neues Rekordtief von rund 2,69 Millionen Rial je US‑Dollar. Innerhalb eines Jahres hat die iranische Währung mehr als die Hälfte ihres Wertes verloren. Reuters berichtet von einer Inflation von mehr als 70 Prozent. Die Zentralbank versucht inzwischen, mit dem Verkauf von bis zu zwei Milliarden Dollar gegenzusteuern. Gleichzeitig verschärft Washington den Druck auf Unternehmen, Finanzströme und Verkehrsverbindungen. Anfang September belegte das US-Finanzministerium 27 iranische Fluggesellschaften und weitere Unternehmen des Luftfahrtsektors mit Sanktionen. Begründet wurde dies unter anderem mit dem Transport von Waffen, Personal und sanktionierten Gütern.

Für die Bevölkerung sind diese Entwicklungen verheerend, für das Regime jedoch nicht automatisch tödlich. Wirtschaftlicher Zusammenbruch und politischer Zusammenbruch sind zwei verschiedene Dinge. Die Islamische Republik hat über Jahrzehnte gelernt, Kosten auf ihre Bevölkerung abzuwälzen, Devisen zu rationieren, Schmuggelnetzwerke zu nutzen und Sicherheitsapparate auch dann zu finanzieren, wenn der Lebensstandard großer Teile der Bevölkerung abstürzt. Die Proteste zu Beginn des Jahres haben gezeigt, wie tief die gesellschaftliche Krise reicht. Die anschließende Repression und die seit März vollstreckten Todesurteile gegen Menschen aus dem Umfeld dieser Proteste zeigen zugleich, dass das Regime weiterhin über genügend Gewaltmittel verfügt, um seine Herrschaft zu verteidigen.

Washington kann Teherans wirtschaftlichen Spielraum verkleinern. Es kann den Ölhandel erschweren, internationale Zahlungswege blockieren und Firmen abschrecken, mit Iran Geschäfte zu machen. Niemand kann daraus jedoch seriös einen Zeitpunkt errechnen, an dem die Islamische Republik zwangsläufig kollabiert. Genau deshalb wäre es gefährlich, die amerikanische und israelische Iran-Strategie auf die Hoffnung zu bauen, der wirtschaftliche Druck werde das Atomproblem irgendwann von selbst lösen.

Der Atomwaffensperrvertrag wird selbst zum Druckmittel

Beim Nuklearprogramm ist die Lage schwieriger, weil ein Teil der entscheidenden Informationen gerade nicht verfügbar ist. Iran ist weiterhin Vertragsstaat des Atomwaffensperrvertrags NPT und damit verpflichtet, sein deklariertes Nuklearmaterial der Kontrolle der Internationalen Atomenergiebehörde zu unterstellen. Gleichzeitig hat die IAEA seit den Angriffen auf iranische Nuklearanlagen nicht mehr den vollständigen Zugang, den sie für eine lückenlose Verifikation benötigen würde. Der aktuelle Zustand bestimmter Anlagen und Bestände hoch angereicherten Urans lässt sich deshalb von außen nicht mit derselben Sicherheit beurteilen wie unter einer funktionierenden Inspektionsordnung.

Schon vor dieser Entwicklung war das iranische Programm weit über das hinausgegangen, was für ein gewöhnliches ziviles Atomprogramm erforderlich wäre. Iran hatte Uran bis auf 60 Prozent U-235 angereichert. Waffenfähiges Material wird typischerweise mit rund 90 Prozent angegeben, doch der technische Abstand von 60 auf 90 Prozent ist erheblich kleiner als der Weg von natürlichem Uran auf 60 Prozent. Das bedeutet nicht, dass Iran bereits eine einsatzfähige Atomwaffe besitzt. Dazu gehören neben ausreichend spaltbarem Material weitere Schritte wie Waffenentwicklung, Miniaturisierung, Zündtechnik und ein geeignetes Trägersystem. Es bedeutet aber, dass die internationale Gemeinschaft bei einer weiteren Eskalation erheblich weniger Reaktionszeit hätte.

Besonders ernst ist deshalb die inzwischen offene Debatte in Teheran über einen Austritt aus dem NPT. Ende September berichteten iranische Medien, das Parlament prüfe einen als besonders dringlich eingestuften Antrag zum Verlassen des Vertrags. Zuvor hatte der Sekretär des Obersten Nationalen Sicherheitsrats, Mohsen Rezaei, der IAEA vorgeworfen, ihre Entscheidungen könnten Staaten geradezu aus dem Nichtverbreitungsvertrag treiben. Selbst Moskau reagierte ungewöhnlich deutlich. Kremlsprecher Dmitri Peskow erklärte, Russland wolle nicht, dass Iran den NPT verlässt, und bezeichnete den Vertrag als Grundpfeiler des internationalen Nichtverbreitungssystems.

Ein Austritt wäre noch kein Beweis für den Bau einer iranischen Atombombe. Politisch wäre er jedoch ein tiefgreifender Einschnitt. Teheran würde damit eine der wichtigsten rechtlichen und technischen Schranken schwächen, die der Welt überhaupt noch Einblick in sein Nuklearprogramm verschaffen. Genau deshalb ist die Debatte selbst bereits Teil der iranischen Druckstrategie: Wirtschaftliche Sanktionen, militärische Angriffe und Forderungen nach vollständiger Transparenz werden mit der Möglichkeit beantwortet, die Transparenz weiter zu reduzieren.

Darin liegt das eigentliche Risiko der gegenwärtigen scheinbaren Stabilisierung. Der Ölmarkt hat gelernt, sich teilweise an iranische Drohungen anzupassen. Saudi-Arabien und die Emirate bauen Alternativen aus, Tanker nutzen neue Verfahren, und die US-Marine hält Verkehrswege offen. Auch der wirtschaftliche Druck auf Teheran lässt sich messen. Beim Atomprogramm funktioniert diese Logik jedoch nicht. Eine verlorene Öllieferung kann ersetzt, eine beschädigte Pipeline repariert und ein Tanker umgeleitet werden. Wenn Iran dagegen zu dem Schluss kommt, dass nur eine eigene Atomwaffe künftige amerikanische oder israelische Angriffe zuverlässig verhindern kann, verändert sich die strategische Rechnung grundlegend.

Gerade deshalb wäre es ein Fehler, die wieder steigenden Ölexporte als Zeichen einer umfassenden Entspannung zu lesen. Sie zeigen vor allem, dass eines der wichtigsten iranischen Druckmittel an Wirkung verloren hat. Das kann Teheran zu Verhandlungen bewegen. Es kann ein Regime, das sich militärisch und wirtschaftlich immer stärker bedrängt sieht, aber ebenso dazu bringen, nach einem anderen Schutzschild zu suchen.

Israel kann bei dieser Frage nicht darauf vertrauen, dass Sanktionen irgendwann automatisch zum gewünschten Ergebnis führen. Die entscheidende rote Linie bleibt dieselbe: Iran darf keine Atomwaffe erhalten. Ob dieses Ziel über ein überprüfbares Abkommen, dauerhafte internationale Kontrollen und glaubwürdige Abschreckung erreicht werden kann, ist offen.

Dass Öl wieder durch Hormus fließt, ist deshalb eine gute Nachricht.

Dass die Welt beim iranischen Nuklearprogramm weiterhin nicht alle Antworten hat, ist die wichtigere.

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