Die eine Sache, über die kein Israeli reden will

* von Matti Friedman, The New York Times am 9. September 2019

— Übernommen von Heplev am 13.09.2019—

Flucht vor einem Selbstmord-Bombenanschlag im Jahr 2002 im Café Moment in Jerusalem, bei dem 11 Israelis getötet wurden (Foto: Lior Mizrahi/Getty Images)

Versucht man Israels Wahl am 17. September zu verstehen, die zweite innerhalb von sechs Monaten, dann kann man sich schnell in Einzelheiten verlaufen – Korruptionsvorwürfe, Koalitionsgerangel, Gezänk zwischen Links und Rechts. Aber die beste Erklärung könnte ein kleiner Film sein, den Sie wahrscheinlich nicht sehen werden; er handelt von etwas, über das die Leute hier lieber nicht sprechen.

Die Eröffnungsszene von „Born in Jerusalem and Still Alive“ (In Jerusalem geboren und immer noch am Leben), der gerade den ersten Preis des Jerusalem Film Festival gewann, fängt die Hauptfigur ein, wie er eine Grimasse zieht, als er eine wortgewandte Fremdenführerin hört, die ihrer Gruppe die Innenstadt von Jerusalem als „wunderschön“ beschreibt, das „Zentrum des Nachtlebens und des Essens für die junge Generation“, Ronen, ein ernster Mann Ende dreißig, unterbricht.

„Glauben Sie ihr nicht“, sagt der Tourist in hebräisch gefärbtem Englisch. „Sehen Sie diesen Markt? Vor fünfzehn Jahren war das Kriegsgebiet. Direkt neben meiner Oberschule gab es einen Terroranschlag. Neben der Universität dort gab es einen Terroranschlag. Als ich das erste Mal Sex hatte, gab es einen Terroranschlag.“ Eine der Terroristinnen schlängelt sich interessiert zu ihm durch. „Ja“, sagt Ronen ihr, „wir mussten anhalten“.

Kein Einzelereignis hat Israels Bevölkerung und Politik so geformt wie die Welle der Selbstmord-Bombenanschläge, die in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts von Palästinensern verübt wurden. Ein Großteil dessen, was Sie hier 2019 sehen, sind die Nachwirkungen dieser Zeit, und seitdem ist jede Wahl in ihrem Schatten erfolgt. Die Anschläge, bei denen hunderte israelischer Zivilisten getötet wurden, beendete die Hoffnung auf einen Verhandlungsfrieden und vernichtete die Linke, die an der Macht war, als die Welle einsetzte. Jegliches Mitgefühl, das die Mehrheit der Israelis gegenüber den Palästinensern empfand, verflog.

Mehr als jede andere Entwicklung erklärt diese Periode die Dauerhaftigkeit des Benjamin Netanyahu, die zu begreifen Außenseiter sich manchmal schwer tun. Einfach ausgedrückt: In dem Jahrzehnt, bevor Netanyahu 2009 an die Macht kam, begleitete uns an öffentlichen Orten Todesangst. Es bestand das Risiko, dass dein Kind im Bus von der Schule nach Hause in die Luft gejagt würde. In den letzten Jahrzehnten ist   hat nicht mehr der Fall. Neben dieser Tatsache verblassen alle anderen Dinge. Welche Anerkennung auch immer dem Premierminister dafür gebührt, für viele Wähler reicht das als Grund aus, um ihn am 17. September an der Macht zu halten.

Angesichts der zentralen Bedeutung dieser Jahre ist es erstaunlich, wie selten sie tatsächlich in Gesprächen aufkommt. Entlang der Jaffa Road, der am härtesten getroffenen Straße (und dem Handlungsort von „Born in Jerusalem“) sind die Spuren fast unsichtbar geworden. Die Pizzeria Sbarro, wo 2001 ein palästinensischer Selbstmordbomber 15 Menschen tötete, darunter 7 Kinder und eine Schwangere, ist heute eine Bäckerei mit anderem Namen. Sie befindet sich ein paar Schritte entfernt von der Stelle, an der ich diese Zeilen schreibe und ist voller Kunden, von denen viele wahrscheinlich nicht wissen, was dort geschah.

Darum geht es in „Born in Jerusalem“. Nicht um Politik, sondern das Verdrängen der persönlichen Erinnerung, die es uns gestattet hat weiterzumachen, während es ein verunsicherndes Gefühl fehlender Zeit hinterließ.

Die Pizzeria an der Jaffa Road, in der 2001 15 Menschen von einem palästinensischen Selbstmord-Bomber getötet wurden. Heute ist es eine Bäckerei. (Foto: Peter Dejong/Associated Press)

In einer weiteren Szene des Films diskutieren Ronen und die Frau, für die er sich interessiert, Asia aus Jerusalem, über diese Jahre, die sie nur als „die Zeit der Anschläge“ bezeichnen kann. Es ermöglicht ihm, auf das Seltsamste dieser Zeit hinzuweisen, das darin besteht, dass sie keinen Namen hat. Die Palästinenser nennen sie die „Zweite Intifada“ und die Israelis umschreiben sie als „die Situation“.

Sie wird nicht offiziell als Krieg betrachtet, obwohl dabei mehr Israelis starben als im Sechstage-Krieg von 1967. Und niemand kann genau sagen, wann sie begann oder endete. Die Anschläge nahmen Mitte der 1990er Jahre zu, als Israel einen Friedenshandel verfolgte und Land abgab, aber das Schlimmste kam zwischen 2000 und 2004. Obwohl andere Formen von Gewalt fortbestehen, war das letzte israelisch Todesopfer bei einem palästinensischen Selbstmordanschlag im Jahr 2008.

Das Verdrängen der Erinnerung hat der Palästinenserführung geholfen, so zu tun, als sei nichts davon je geschehen und wenige der Auslands-Journalisten, die heute aus dem Land berichten, waren damals hier. Warum haben moderate Israelis Angst, aus der Westbank abzuziehen? Warum ist die einst dominante Linke zu einem mageren parlamentarischen Rest geworden? Warum gibt es eine Sperranlage? Warum wird das Wort „Frieden“ sarkastisch betont, während das Wort „Sicherheit“ eine Art übernatürliches Gewicht besitzt? Wenn Sie damals nicht in Israel waren und Zugang zum nationalen Unterbewusstsein haben, wird die Antwort schwer nachvollziehbar sein.

Der Ronen im Film ist das Alter Ego von Yososi Atia (39), der ihn spielt und das Drehbuch zum Film schrieb sowie mit Regie führte. Atia durchlebte diese Jahre, wie ich, als College-Student. Seine Filmfigur kann die Stille  oder das Gefühlnicht ertragen, dass er verrückt nach Erinnerungen ist, also fängt er an, eigene Führungen im Herzen der Stadt zu leiten: Die Pizzeria Sbarro, dem Ort, an dem zwei Bombenattentäter sich gemeinsam am Zionsplatz in die Luft sprengten, den Gemüsemarkt, der immer wieder getroffen wurde.

Er gibt Touristen alte Nokia-Handys und lässt sie eines der Schlüsselrituale der Zeit simulieren: die Anrufe, die wir nach Anschlägen tätigten, um unseren Familien zu sagten, dass es uns gut geht. Es ist unklar, ob das als Bildung für die Leute gemeint ist, die er herumführt oder als Therapie für sich selbst. Er erklärt die merkwürdigen sozialen Berechnungen, die einem Anschlag folgten: Wenn gerade acht Menschen, sagen wir: in einem Bus, getötet wurden, könntest du an dem Abend mit einem Freund einen trinken gehen? (Ja.) Was wäre, wenn es zwölf in einem Café waren? Könntest du zu einem Date gehen? (Nein.) Ronen hat ein aktuelles Diagramm.

Ich erinnere mich an diese Zwickmühlen der Terror-Etikette, genauso daran, dass ich an einer Bushaltestelle stand und hörte, wie ein Selbstmord-Attentäter sich eine Straße weiter in die Luft sprengte und 11 Menschen im Café Moment ermordete. Meine Mutter ging durch den Bahnhof von Nahariya, unmittelbar bevor ein Selbstmord-Bomber dort zuschlug; und meine Schwester war in einer Cafeteria der Hebräischen Universität, als Palästinenser sich in einer anderen Cafeteria in die Luft sprengten. Ich habe viele derartige Erinnerungen, die allesamt für damals Standard sind.

Als ich mit Atia sprach, sagte er, er dachte die Israelis würden das Thema aus einem offensichtlichen Grund meiden: Es ist zu entsetzlich. Weil das Gemetzel nicht auf einem weit entfernten Schlachtfeld oder beschränkt auf Soldaten stattfand, die Erfahrung die gesamte Gesellschaft umfasste und man solche Bilder oder die Angst nicht vergessen kann, selbst wenn du sie in die dunkelsten Schichten deines Gehirns verbannt hast. „Das war kein militärischer Krieg, das war ein ziviler Krieg und die Opfer waren Zivilisten“, sagte er. Seine Figur, Ronen, will darüber reden und das kam ihm sonderbar vor. „Niemand will zuhören.“

Atias Film handelt nicht von irgendwelcher erkennbarer Wut auf die Palästinenser oder sonst irgendjemanden, nicht einmal als Ronen demonstriert, wie der Sbarro-Selbstmordattentäter einen Gitarrenkoffer mit seinem Sprengstoff bestückt. Der Ansatz ist eine Art leichter Surrealismus. Am nächsten an einen politischen Kommentar kommt es heran, wenn er darauf hinweist, dass auf den Gedenktafeln an die Bombenanschläge aus den 1990ern, den Jahren des Friedensprozesses, den Namen der Opfer der traditionelle jüdischen Satz „Möge ihre Erinnerung ein Segen sein“ folgte. In den frühen 2000ern änderte sich das zu einem anderen Satz aus der Tradition: „Möge Gott ihr Blut rächen.“

Für einen Zuschauer der sich an diese Zeit erinnert, entstammt viel von der Resonanz des Films dem Kontrast zwischen dem, was Ronen auf seinen Führungen beschreibt und der vergesslichen Stadt von heute um ihn herum. Der Jaffa Road, die in den schlimmsten Augenblicken öde und verlassen war, wurde ein Facelifting verpasst und eine neue Straßenbahn gegeben; sie ist heute überfüllt von Fußgängern, lebhaft und nicht wiederzuerkennen. Die von Ronen seinen Touristen beschriebenen Ereignisse sind kaum zu glauben.

Aber er weiß, was geschah und genauso weiß es die israelische Wählerschaft. Ein Psychiater könnte uns sagen, dass etwas um so stärker verdrängt wird, je mehr Macht es ausübt. Wenn also Netanyahu in einer Wahlwerbung erklärt, dass „wir in der stürmischen See des Nahen Ostens bewiesen haben, dass wir Israel als eine Insel der Stabilität und Sicherheit erhalten können“, dann wissen wir alle, was er meint, selbst wenn wir nicht für ihn stimmen. Das ist seine stärkste Karte und wenn er gewinnt, wird das der Grund dafür sein. Das Szenario, das wir fürchten, ist klar, selbst wenn es keinen Namen hat. Es braucht keinen.

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