(zum Beitragsbild oben: Symbolbild / KI)
Benjamin Netanyahu eröffnet die heiße Wahlkampfphase mit maximaler Zuspitzung. Doch ausgerechnet eine neue Umfrage zeigt: Eisenkot könnte erstmals auch ohne arabische Parteien auf 61 Mandate kommen.
Benjamin Netanyahu lässt keinen Zweifel daran, wie er die Knessetwahl am 27. Oktober verkaufen will. Bei der Vorstellung seiner persönlich ausgewählten Kandidaten für die Likud-Liste erklärte der Ministerpräsident, Israel stehe vor einer Entscheidung zwischen einer „starken rechten Regierung unter meiner Führung“ und einer „schwachen linken Regierung unter Eisenkot und den Arabern“.
Die Botschaft ist bewusst einfach gehalten. Netanyahu will die Wahl nicht als Wettbewerb mehrerer Parteien darstellen, sondern als Entscheidung darüber, ob das nationale Lager weiterregiert oder Gadi Eisenkot mit Unterstützung arabischer Parteien die Macht übernimmt. Die Aussage fiel ausgerechnet an dem Tag, an dem die Parteien ihre endgültigen Kandidatenlisten einreichen mussten und damit der eigentliche Wahlkampf beginnt. Die Jerusalem Post berichtet ausführlich über die von Netanyahu persönlich besetzten Plätze auf der Likud-Liste.
Nur bekommt Netanyahus Darstellung wenige Stunden später ein Problem.
Eine am Dienstag veröffentlichte Maariv-Umfrage sieht Eisenkots Jaschar bei 25 Mandaten und den Likud lediglich bei 20. Noch bemerkenswerter ist die Blockrechnung: Erstmals ergibt sich in einer aktuellen Erhebung ein möglicher Weg für ein von Eisenkot geführtes Lager zu 61 Mandaten ohne die arabischen Parteien. Voraussetzung wäre, dass das gemeinsame Bündnis von Yoaz Hendel und Yaron Zelekha die Sperrklausel überwindet.
Damit ist Netanyahus Satz vor allem eines: Wahlkampf.
haOlam hatte bereits Ende August ausführlich erklärt, warum die Wahl 2026 nicht mehr sauber in ein klassisches Rechts-gegen-Links-Schema passt. Eisenkot ist ehemaliger Generalstabschef, Bennett kommt selbst aus dem nationalreligiösen Lager, Liberman gehört sicherheitspolitisch nicht zur traditionellen Linken. Die entscheidende Trennlinie verläuft inzwischen mindestens ebenso stark zwischen Netanyahu und seinen Gegnern wie zwischen rechts und links.
Netanyahu baut den Likud sichtbar nach seinen Vorstellungen um
Die Bühne für Netanyahus Wahlkampfsatz war ebenfalls bemerkenswert. Es ging nicht nur um politische Rhetorik, sondern um die Zusammensetzung seiner eigenen Partei.
Der Likud hatte seinem Vorsitzenden acht reservierte Plätze auf der Knesset-Liste eingeräumt und damit Netanyahus Einfluss gegenüber dem traditionellen Vorwahlsystem erheblich vergrößert. In den vergangenen Wochen gab es innerhalb der Partei deshalb heftigen Streit über das Verfahren, die Abstimmung über die Reservierungen und darüber, wie viel Macht der Parteivorsitzende über eine Partei erhalten soll, die sich seit Jahren mit ihren Mitglieder- Vorwahlen von stärker zentralisierten israelischen Parteien abgrenzen wollte.
Netanyahus Auswahl zeigt gleichzeitig, welches Bild der Likud im Wahlkampf vermitteln soll.
Auf Platz neun setzte er Talik Gvili, die Mutter von Ran Gvili. Der Polizist wurde am 7. Oktober 2023 im Kampf gegen Hamas-Terroristen ermordet und sein Leichnam nach Gaza verschleppt. Erst im Januar 2026 konnten seine sterblichen Überreste nach Israel zurückgebracht und bestattet werden.
Auf Platz 15 kommt Elisha Medan, ein IDF-Reservist, der im Gazastreifen schwer verwundet wurde und beide Beine verlor. Seine Aufnahme verbindet die Likud-Liste unmittelbar mit dem Krieg und dem Opfer der Reservisten.
Anders gelagert ist die Personalie Yaakov Bardugo. Der Kommentator von Channel 14 gehört zu Netanyahus bekanntesten medialen Unterstützern und erhält Platz elf. Gerade diese Entscheidung dürfte den Vorwurf seiner Gegner verstärken, Netanyahu belohne politische Loyalität. Eisenkot bezeichnete die reservierten Plätze bereits als Verteilung von Beute an Netanyahus „Sprachrohre“ und als Belohnung für blinde Gefolgschaft.
Auch David Peter zieht auf einem reservierten Platz in die Liste ein. Der Jurist vertrat unter anderem Justizminister Yariv Levin und Sicherheitsminister Itamar Ben Gvir sowie die Regierung in ihrem Konflikt mit dem Obersten Gericht über die geplante Schließung von Army Radio. Der frühere Labour-Abgeordnete Eli Goldschmidt erhält Platz 26.
Itzik Bonsel, dessen Sohn Amit Bonsel im Krieg fiel, wurde für Platz 29 ausgewählt.
Netanyahu wollte außerdem Brigadegeneral der Reserve Amir Avivi, Gründer des Israel Defense and Security Forum, in die Liste holen. Doch der Vorgang endete noch am selben Tag mit einem Rückschlag. Avivi erhielt nur Platz 35 und zog seine Kandidatur anschließend wieder zurück. Nach israelischen Berichten war er mit dem wenig aussichtsreichen Listenplatz nicht zufrieden.
Dabei ist die Position keineswegs nebensächlich. Der Likud liegt derzeit in mehreren Umfragen nur bei ungefähr 20 Mandaten. Wer auf Platz 26, 29 oder gar 35 steht, besitzt deshalb keine realistische Garantie auf einen Sitz in der nächsten Knesset.
Das macht den internen Streit über Netanyahus Reservierungen umso schärfer. Jeder persönlich besetzte aussichtsreiche Platz bedeutet möglicherweise, dass ein bei den Likud-Vorwahlen gewählter Kandidat weiter nach hinten rutscht.
haOlam hatte bereits Anfang August darauf hingewiesen, dass Netanyahus vielleicht stärkster politischer Vorteil weiterhin die Zersplitterung seiner Gegner ist. Genau diese Schwäche versucht er nun in eine klare Wahlbotschaft zu verwandeln.
Auf der einen Seite Netanyahu.
Auf der anderen Seite Eisenkot und „die Araber“.
So einfach ist die tatsächliche politische Lage jedoch nicht.
Neue Umfrage widerspricht Netanyahus zentralem Angriff
Die aktuelle Maariv-Erhebung ist gerade deshalb interessant. Jaschar kommt auf 25 Mandate und liegt damit fünf Sitze vor dem Likud. Naftali Bennetts Beyachad erhält 13, Jair Golans Demokraten zehn und Avigdor Libermans Israel Beitenu neun Mandate. Das Hendel Zelekha Bündnis erreicht vier Sitze.
Diese Parteien zusammen kämen auf 61 Mandate.
Die Gemeinsame Arabische Liste mit sieben Sitzen und Ra’am mit fünf wären für diese rechnerische Mehrheit nicht erforderlich.
Das ist nur eine Umfrage und noch keine Wahlprognose. Besonders Hendel und Zelekha bewegen sich unmittelbar an der Sperrklausel. Ofer Winters Amcha Israel liegt in derselben Erhebung mit 2,8 Prozent plötzlich darunter. Schon wenige Zehntelprozent können deshalb die gesamte Mandatsrechnung erneut verändern.
Noch am Sonntag sah eine andere Erhebung überhaupt keine Mehrheit. Damals wurden Netanyahus Lager 56 und Eisenkots Lager 55 Mandate zugerechnet. Auch dort führte Eisenkot jedoch beim direkten Vergleich um das Amt des Ministerpräsidenten mit 38 zu 35 Prozent vor Netanyahu.
Genau diese Schwankungen zeigen, warum Netanyahus Wahlkampfstrategie nachvollziehbar ist.
Er braucht eine klare Lagerbildung.
Je stärker sich Bennett, Eisenkot, Liberman, und kleinere Parteien als getrennte politische Angebote präsentieren, desto schwieriger wird es für Netanyahu, die Wahl in eine einfache Entscheidung zwischen rechts und links zu verwandeln. Je stärker er sie dagegen als ein einziges gegnerisches Lager beschreibt, desto leichter kann er konservative Wähler vor verlorenen Stimmen und einer Regierung ohne Likud warnen.
Das hat er bereits gegenüber Ben Gvir getan. Als dieser eine gemeinsame Liste mit Smotrich ablehnte, warf ihm der Likud vor, rechte Stimmen zu verbrennen und damit letztlich eine Regierung Eisenkots, Libermans, Golans und der arabischen Parteien zu ermöglichen.
Die Strategie ist nicht neu.
Aber dieses Mal trifft sie auf eine politische Landschaft, die komplizierter geworden ist.
Gadi Eisenkot ist inzwischen nicht mehr nur einer von mehreren Netanyahu Gegnern. Seine Partei führt zahlreiche Umfragen an. Am Montag stellte Jaschar eine Liste vor, auf der ehemalige Sicherheitsvertreter, Reservisten, Angehörige gefallener Israelis, Kommunalpolitiker und frühere Staatsbedienstete prominent vertreten sind. Der ehemalige Schin-Bet-Chef Yoram Cohen steht auf Platz zwei.
Und am selben Dienstag verschärfte sich der Konflikt noch einmal. Eisenkot, Bennett, Liberman und Golan erklärten gemeinsam, eine neue Regierung unter ihrer Führung werde als eine ihrer ersten Maßnahmen eine staatliche Untersuchungskommission zum Versagen vor und während des 7. Oktober einsetzen.
Damit zeichnet sich der Wahlkampf immer deutlicher ab.
Netanyahu will die Israelis fragen, ob sie weiter einer starken rechten Regierung vertrauen oder das Land Eisenkot und einem politisch heterogenen Gegenlager übergeben wollen.
Eisenkot will die Wahl zu einer Abstimmung über Verantwortung, den 7. Oktober und einen politischen Neubeginn machen.
Beides sind Wahlkampferzählungen.
Am 27. Oktober entscheiden die Israelis, welche davon stärker ist.
Doch einen Punkt kann man schon heute festhalten: Die Gleichung Eisenkot gleich linke Regierung abhängig von arabischen Parteien ist keineswegs eine feststehende politische Tatsache.
Ausgerechnet die jüngste Umfrage zeigt erstmals einen anderen Weg.
Und genau deshalb dürfte Netanyahu diesen Angriff in den kommenden sieben Wochen noch sehr häufig wiederholen.

