(zum Beitragsbild oben: 5.000 tunesische Juden mussten in Nazi-Arbeitslager marschieren)
Der Holocaust war nicht nur eine europäische Tragödie: Juden in Nordafrika wurden in Lager geschafft. Nach dem Krieg wurden Juden aus dem MENA-Raum durch Verfolgung und Gewalt ausgelöscht. Dennoch ist diese Realität durch die Seiten der Populärgeschichtschreibung weitgehend untergegangen, was zu dem Mythos führte, dass Juden europäische Kolonisatoren sind. Ein Must-read von Catherine Perez-Shakdam auf „X“:
Es ist eines der perverseren kleinen Wunder der modernen Erinnerung, dass wir es kollektiv geschafft haben, eine ganze jüdische Welt zu verbummeln.
Wir sprechen von der Schoah und der Geist wendet sich fast instinktiv den grauen Schneefeldern Polens zu, dem Stacheldraht von Auschwitz, der deutschen Sprache, die durch Lautsprecher gebellt wird. Wir haben zumindest teilweise gelernt die Namen der europäischen Vernichtungsstätten aufzuzählen. Aber sagt man „Juden Tunesiens“, „Juden Libyens“, „Juden des Irak“, dann begegnet einem meist ein ratloses Stirnrunzeln, hätte man vorgeschlagen, Pinguine hätten einst in der Sahara genistet.
Und doch waren gab es sie. Natürlich waren sie dort. Jahrhunderte lang waren sie dort: in Fès und Algier, in Tunis, Tripolis, Bagdad, Aleppo, Sana‘a und webten ihre Geschichten in die Kett- und Schussfäden des Lebens in Nordafrika und des Nahen Ostens. Als das Nazi-Projekt seine giftige Kartographie über das Mittelmeer ausbreitete, übersprang es diese Juden nicht zart, als wären sie eine Randnotiz. Es markierte sie, registrierte sie, beraubte sie ihrer Rechte, deportierte einige nach Europa und sperrte andere in Arbeits- und Internierungslager in Marokko, Algerien, Tunesien und Libyen.
Ja, es gab Lager in Nordafrika. Sie hatten größtenteils nicht die industrialisierte Mordmaschinerie von Auschwitz – aber das ist ein wenig so, als würde man sagen, ein Hurrikan sei weniger ernst als eine Supernova. Für die Menschen darunter ist der Sturm dennoch mehr als genug. Juden und andere Gefangene wurden in Sahara-Lagern wie Bedeau, Djelfa, Bou Arfa und anderen unter Vichy- und Achsenkontrolle zu Tode geschunden; in Libyen forderte das Lager Giado durch Gefangenschaft, Hunger und Krankheit hunderte jüdische Leben. Sie wurden geschlagen, gedemütigt, enteignet, als fremde Präsenz in Ländern gebrandmarkt, in denen viele schon vor dem Islam lebten.
Dass diese Kapitel im öffentlichen Bewusstsein verschwommen sind, ist kein Zufall der Geografie, sondern eine Folge der Erzählung. Der Holocaust ist in unserer Kurzform zu einer europäischen Tragödie geworden, in der Juden Europäer sind, Täter Europäer sind und alle anderen sich den Komfort des Zuschauerstatus erlauben dürfen. Sich an die nordafrikanische und nahöstliche Dimension zu erinnern, verkompliziert diese saubere Moralerzählung. Es erinnert uns daran, dass die Nazi-Ideologie weit über Berlin hinaus nachklang, dass der Vichy-Antisemitismus koloniale Zähne hatte und dass lokale Kollaborateure mitunter sehr eifrig waren.
Doch die Katastrophe endete nicht mit dem Fall Berlins. Für die Juden der Region war das mittlere 20. Jahrhundert kein einzelner Schlag, sondern eine Serie von Erdbeben.
1941 kam in Bagdad der Farhud: ein Pogrom über zwei Schawuot-Tage, in dem Mobs mordeten, vergewaltigten, plünderten und zerstörten, jüdische Körper auf den Straßen zurückließen und jüdische Häuser verwüsteten. Später, nach der Ausrufung des Staates Israel 1948, folgten weitere Erschütterungen: Pogrome in Tripolis, tödliche Ausschreitungen in Aden und Aleppo, Verfolgung in Ägypten, legalisierte Plünderung und Vertreibung im Irak und anderswo. Die Landkarte jüdischen Lebens von Casablanca bis Basra, einst dicht bevölkert mit alten Gemeinden, wurde innerhalb einer Generation neu gezeichnet. Fast eine Million Juden aus arabischen und mehrheitlich muslimischen Ländern wurden hinausgedrängt, terrorisiert oder per Gesetz aus ihren Häusern vertrieben und ins Exil gezwungen.
Auch dies ist zwischen die Seiten der populären Geschichtsschreibung gerutscht. Man kann ganze Konferenzen über den „Nahostkonflikt“ besuchen, ohne jemals die Namen dieser verschwundenen Gemeinden zu hören. Ihre Synagogen werden zu Parkplätzen, ihre Friedhöfe überpflastert, ihre Archive verrotten in vergessenen Kellern. Die Menschen selbst – heute verstreut über Israel, Europa und Amerika – sollen ihre Erfahrung brav in eine fremde Erzählung einfügen: wenn sie nach Israel gingen als „koloniale Siedler“, wenn nicht, dann als angeblich „weiße“ Europäer.
Es hat etwas geradezu Surreales, wenn etwa ein Jude aus Bagdad oder Sana‘a als europäischer Kolonisator des Nahen Ostens bezeichnet wird. Es ist, als sei die Geschichte in einen Mixer geworfen und als modische Smoothies ausgegossen worden.
Warum ist dieses Vergessen wichtig? Weil Erinnerung nicht bloß eine sentimentale Übung ist. Sie ist eine Verteidigung gegen die ausgeklügelten Täuschungen der Gegenwart.
Gemeinschaften, die von ihrer Vergangenheit abgeschnitten sind, kann man fast alles über ihre Identität erzählen. Wenn man nicht weiß, dass Juden durch den Staub nordafrikanischer Lager marschieren mussten, kann man glauben machen, Juden seien per Definition Fremde in der Region. Wenn man nicht weiß, dass Juden aus arabischen Ländern innerhalb lebendiger Erinnerung vor Pogromen, Hinrichtungen und Enteignungen flohen, kann man die Geschichte verkaufen, Israels Juden seien mit Fallschirmen abgesprungene Eindringlinge aus Wien und Brooklyn, die eines Tages beschlossen hätten, einen friedlichen Winkel der Welt zu plagen.
Streichen Sie die Lager, streichen Sie die Pogrome, streichen Sie die langen Jahrhunderte des Zusammenlebens und des Verrats und man kann eine neue Mythologie vermarkten, in der Juden die letzten kolonialen Europäer sind und alle anderen unschuldige Einheimische. Diese Mythologie ist für bestimmte Führer sehr nützlich. Sie nährt Wut, vereinfacht Politik und entbindet Gesellschaften davon, ihre eigene Mitschuld an vergangenen Verbrechen zu prüfen.
Wenn man Herrscher eines unsicheren Landes ist, dann ist es immer verlockend den Familienstammbaum umzuschreiben. Man retuschiert die unbequemen Onkel, die kollaborierenden Vorfahren, die vertriebenen Nachbarn. Man präsentiert sein Volk als makelloses Opfer von Kräften, die völlig außerhalb ihrer Kontrolle lagen. Das ist tröstlich. Langfristig ist es aber giftig. Eine Nation, die nicht weiß, woher sie wirklich kommt – all das, die Schande ebenso wie den Ruhm – wird fruchtbarer Boden für Indoktrination. Jeder vorbeiziehende Dämagoge kann dort eine Fahne pflanzen, wo eigentlich die Wurzeln sein sollten.
Und so kommen wir zur aktuellen Manie der historischen Umkehrung: der Verwandlung von Juden in die archetypischen Unterdrücker und von Antisemiten in mutige Dissidenten; das Beharren darauf, dass jüdisches Leiden nur dann „zählt“, wenn es sich brav in ein fremdes politisches Drehbuch einfügt. Nordafrikanische Lager, nahöstliche Pogrome, die Flucht der Juden aus arabischen Ländern – das sind furchtbar unbequeme Fakten. Sie legen nahe, dass Antisemitismus in der Region nicht 1948 in einer Kiste mit der Aufschrift „Europa“ importiert wurde, sondern tiefere, lokale Geschichte hatte, die später durch Nazi-Einfluss und modernen Islamismus forciert und angepasst wurde. Sie legen nahe, dass Israel keine fremde Invasion in einem ansonsten judenfreien Osten ist, sondern teilweise Zufluchtsort für Juden, die genau aus diesem Osten vertrieben wurden.
Darauf zu bestehen daran zu erinnern ist kein Wettbewerb der Opferrollen. Es geht nicht darum, ein Konto der Qualen zu führen und einen Sieger zu küren. Es geht um Ehrlichkeit. Die Familien, die Väter durch Lagerkrankheiten in Libyen verloren, die erlebten, wie Großmütter im Farhud von Bagdad niedergetrampelt wurden, die unter Gewehrfeuer aus Aden flohen, die mit einem Koffer und einem brennenden Gefühl der Entwurzelung in Israel oder Frankreich ankamen – das sind keine Fußnoten. Ihre Erfahrungen helfen zu erklären, warum unsere heutige Welt so aussieht: Warum Israels jüdische Bevölkerung so zusammengesetzt ist, warum bestimmte Ängste und Traumata unter der Haut von Gemeinschaften weiterleben, warum bestimmte politische Reflexe sind, wie sie sind.
Sie zu ehren heißt, darauf zu bestehen, dass Geschichte nicht zurechtgestutzt wird, um den Propagandabedürfnissen von heute zu dienen. Sie ist nicht leicht, diese Arbeit der Erinnerung. Es ist, wie man sagt, eine fast unmögliche Aufgabe. Man zieht an lange vernachlässigten Fäden und stellt fest, dass sie in Archive in Fremdsprachen führen, zu Zeugnissen, die durch Zeit und Schweigen zerbrochen sind. Man stößt auch auf eine Art höflichen Widerstand: „Müssen wir wirklich darüber reden?“ „Ist das nicht spaltend?“ „Verkompliziert das nicht unsere Narrativ?“ Ja. Und genau deshalb müssen wir es tun.
Denn die Alternative besteht darin, das Bildungs-Vakuum von denen füllen zu lassen, die am lautesten schreien. Und sie brüllen. Sie brüllen, dass Juden Fremde im Nahen Osten sind, dass Zionismus eine rein europäische Importware ist, dass die einzige relevante Geschichte 1948 beginnt und in ein paar Parolen zusammengefasst werden kann. Sie brüllen, dass die Bücher umgeschrieben und die unbequemen Geister höflich aus dem Raum entfernt werden können.
Dagegen können wir etwas weit weniger Spektakuläres, aber unendlich Solideres anbieten: Namen, Daten, Orte; Lagerregister und Verordnungen; Memoiren und Familiengeschichten; Fotografien von Synagogen, die es nicht mehr gibt; die bittersüßen Erinnerungen an Straßen, die man nicht mehr sicher betreten kann. Wir können sagen: Hier waren Juden in Nordafrika während der Schoah, eingesperrt und getötet, weil sie Juden waren. Hier waren Juden im Irak, im Jemen, in Libyen, Ägypten, Syrien, Marokko, die Verfolgung und Gewalt vor und nach der Wiedergeburt Israels erlitten und deren Exodus kein exotisches Abenteuer, sondern ein Trauma war.
Und wir können mehr tun als nur zu sagen. Wir können bauen: Lehrpläne, Ausstellungen, Filme, Gedenktage, Wandbilder, Gespräche, die diese verlorenen Welten zurück in den öffentlichen Raum holen. Wir können der Verführung selektiver Erinnerung widerstehen – auch wenn sie bequemer wäre – und uns einer Geschichte verpflichten, die vollständig, komplex und gelegentlich schmerzhaft ist. Für Juden bedeutet das, dass wir unsere eigenen Brüche und Fehler anerkennen; für unsere Nachbarn bedeutet es, dass sie sich lange unterdrückten Episoden stellen oder nicht länger fernen Mächten zuzuschieben. Für alle ist es eine Einladung, erwachsen zu werden.
Es gibt einen berühmten jüdischen Segensspruch für die Toten: „Möge ihr Andenken ein Segen sein.“ Es ist ein sanfter, fast zärtlicher Satz. Aber er enthält auch eine Herausforderung. Erinnerung ist nicht automatisch ein Segen. Sie wird es erst, wenn wir zulassen, dass sie uns beunruhigt, unseren moralischen Horizont erweitert und es schwieriger macht billige Parolen auszusprechen.
Die Juden Nordafrikas und des Nahen Ostens, die in Lagern, in Pogromen und im erzwungenen Exodus litten und starben, zu ehren, heißt sich zu weigern, das 20. Jahrhundert zu einer monochromen europäischen Tragödie zu glätten. Es heißt, Farbe, Kontur und Würde zurückzugeben an Leben, die in keine Propaganda bequem hineinpassen. Es heißt letztlich, nicht nur die jüdische Geschichte zu verteidigen, sondern die Vorstellung, dass Geschichte selbst zählt – dass Fakten Gewicht haben, dass Geschichten nicht beliebig formbar sind, dass Menschen keine Spielfiguren sind, die man auf dem Brett der Ideologie neu anordnen kann.
Wenn wir sagen: Ja, es gab Lager in Nordafrika. Ja, es gab Pogrome nach Israels Unabhängigkeit. Ja, es gab alte jüdische Welten im arabischen und muslimischen Osten, die innerhalb einer einzigen Lebensspanne zerbrachen – dann betreiben wir keine Pedanterie. Wir verankern die Gegenwart in der Realität. Und in einer Welt, in der so viele entschlossen sind, sich von der Realität zu lösen, ist diese Verankerung ein Akt umfassenden Widerstands.

