Hannah Bruns will selbst Tel Aviv nicht unter israelischer Herrschaft sehen und verweigerte die Distanzierung vom Hamas-Massaker. Trotzdem ist sie weiter Mitglied der Linken.

„Die Befreiung Palästinas endet dann, wenn Tel Aviv wieder in der Hand von Palästina liegt!“ Mit diesem Satz hat Hannah Bruns ziemlich genau beschrieben, worum es ihr geht. Nicht um Benjamin Netanjahu. Nicht um Siedlungen in Judäa und Samaria. Nicht um einen Streit über Grenzen. Tel Aviv liegt mitten im international anerkannten israelischen Staatsgebiet. Wer auch Tel Aviv der israelischen Souveränität entziehen will, fordert nichts weniger als die Beseitigung Israels als jüdischen Staat.

Bei Bruns steht diese Aussage nicht allein. Im Juli 2025 erklärte sie auf einer Demonstration, man werde sich auch von anderen Kräften nicht distanzieren, die gegen das von ihr so bezeichnete israelische Kolonialregime kämpften. Ein Reporter fragte ausdrücklich nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023. Bruns antwortete: „Ich werde mich von gar nichts distanzieren.“ Im Oktober rief sie zur „globalen Intifada“ auf, im Januar 2026 beendete sie eine Rede mit „Intifada bis zum Sieg“. Die WELT dokumentiert diese Aussagen und berichtet über einen inzwischen vorbereiteten Antrag auf ihren Parteiausschluss.

Das Massaker, von dem Bruns sich auf ausdrückliche Nachfrage nicht distanzieren wollte, kostete rund 1200 Menschen in Israel das Leben. Hamas-Terroristen und ihre Verbündeten ermordeten Familien, Jugendliche auf dem Nova-Festival, alte Menschen und Kinder. Mehr als 250 Menschen wurden als Geiseln verschleppt. Wer danach von einer Intifada bis zum Sieg spricht und erklärt, die Befreiung müsse bis Tel Aviv reichen, lässt kaum Raum für die bequeme Ausrede, hier werde lediglich eine israelische Regierung kritisiert.

Auch nach den Maßstäben der international verwendeten IHRA Arbeitsdefinition ist die Sache relevant. Als Beispiel für Antisemitismus nennt sie ausdrücklich das Aberkennen des Selbstbestimmungsrechts des jüdischen Volkes. Die Bundesregierung hat sich dieser Definition 2017 angeschlossen. Der Deutsche Bundestag zieht sie ebenfalls als maßgebliche Grundlage im Kampf gegen Antisemitismus heran.

Bruns fordert die Beseitigung Israels als jüdischen Staat. Ihre Aussagen zur Intifada und ihre Weigerung, sich vom Hamas-Massaker zu distanzieren, verschärfen dieses Bild. Wer darin Antisemitismus erkennt, muss keine versteckten Codes entschlüsseln. Die Aussagen liegen offen auf dem Tisch.

Der Ausschlussantrag ist fertig, nur einreichen will ihn keiner

Und genau hier beginnt der eigentliche Skandal für die Berliner Linke.

Dem Tagesspiegel und der WELT liegt ein Entwurf für einen Parteiausschlussantrag gegen Bruns vor. Nach Tagesspiegel-Informationen wird er schon länger vorbereitet. Bislang findet sich jedoch offenbar niemand, der bereit ist, ihn einzureichen. Einzelne Parteimitglieder vermuten laut Tagesspiegel, dass eine erneute Antisemitismusdebatte mitten im Berliner Wahlkampf vermieden werden soll. Die WELT berichtet aus Kreisen der Antragsteller sogar, der Landesvorstand habe darauf gedrängt, den Wahlkampf nicht mit einem Ausschlussverfahren zu belasten. Der Landesvorstand ließ die entsprechende Anfrage der Zeitung unbeantwortet. Damit ist diese Darstellung nicht bestätigt, aber sie steht im Raum.

Die politische Wirkung ist trotzdem verheerend. Die Partei weiß, was Bruns gesagt hat. Parteimitglieder haben ihre Aussagen gesammelt, bewertet und einen Ausschlussantrag vorbereitet. Prominente Unterstützer soll es nach WELT-Informationen ebenfalls geben. Nur die Unterschrift, die aus dem Papier ein tatsächliches Verfahren machen würde, fehlt.

Das ist bemerkenswert für eine Partei, die öffentlich versichert, das Existenzrecht Israels sei für sie nicht verhandelbar. Noch im Juni beschloss der Bundesparteitag unter der Überschrift „Gegen jeden Antisemitismus“, Judenhass niemals tolerieren zu wollen. Der Beschluss beschreibt selbst den dramatischen Anstieg antisemitischer Vorfälle nach dem 7. Oktober und die Angst vieler Juden in Deutschland.

Auf dem Papier klingt das tadellos.

In Berlin klingt es gleichzeitig nach „Intifada bis zum Sieg“.

Noch deutlicher wird der Widerspruch, weil Bruns kein politischer Findling ist, der gestern zufällig vor der Parteizentrale aufgetaucht wäre. Sie war bereits früher Mitglied der Linken, trat 2018 aus und schloss sich dem militanten maoistischen „Jugendwiderstand“ an. Im April 2025 wurde sie wieder in die Linkspartei aufgenommen. Heute gehört sie der parteiinternen Arbeitsgemeinschaft Palästinasolidarität an und zählt dort laut WELT zu den prägenden Stimmen.

Die Partei hat sie also nicht geerbt. Sie hat sie zurückgenommen.

Erst Dahabflex, jetzt Bruns

Der Zeitpunkt könnte für die Berliner Linke kaum unangenehmer sein. Erst wenige Tage zuvor hatte der Rapper Dahabflex auf einer Wahlkampfveranstaltung des Neuköllner Bezirksverbandes „Yalla Yalla Intifada“ und „Death to the IDF“ gesungen. Zahlreiche Besucher tanzten, Teile des Publikums sangen mit. Während des Auftritts griff nach Berichten des Tagesspiegels niemand ein. Spitzenkandidatin Elif Eralp zeigte sich anschließend „entsetzt“ und verlangte Konsequenzen.

Nur war Dahabflex für die Linke Neukölln kein völlig unbekanntes Risiko. haOlam hatte bereits dokumentiert, dass es schon 2025 innerhalb der politischen Umgebung des Bezirksverbandes öffentliche Warnungen wegen seiner Texte gegeben hatte. Damals waren bereits Referenzen auf Intifada, PFLP Terroristin Leila Khaled und Todesparolen gegen die IDF thematisiert worden. Von einem völlig überraschenden Ausrutscher auf der Wahlkampfbühne konnte deshalb kaum die Rede sein.

Noch erstaunlicher war die Reaktion der parteiinternen LAG Palästinasolidarität. Statt den Vorfall zum Anlass für Distanzierung zu nehmen, stellte sie sich hinter Dahabflex und die Neuköllner Linke. Die Berichterstattung bezeichnete sie als „Hetzkampagne“ und als Intervention der „Reichen und Mächtigen“.

Damit stehen innerhalb derselben Partei zwei Welten nebeneinander. Auf der einen Seite erklärt die Spitzenkandidatin, sie sei entsetzt und stehe gegen jede Form von Antisemitismus. Auf der anderen Seite verteidigt eine offizielle Landesarbeitsgemeinschaft einen Auftritt, bei dem Intifada-Parolen und „Death to the IDF“ zu hören waren. Und mittendrin steht Hannah Bruns mit ihrer Vorstellung eines Palästinas, dessen „Befreiung“ erst dann beendet sein soll, wenn Tel Aviv nicht mehr israelisch ist.

Der Fall Ramsis Kilani hätte längst zeigen können, wohin dieser Konflikt führt. Kilani wurde 2025 endgültig aus der Linken ausgeschlossen. Die Bundesschiedskommission bestätigte den Parteiausschluss. Teile der Partei stellten sich anschließend demonstrativ hinter ihn und griffen das Verfahren scharf an.

haOlam berichtete bereits nach dem Potsdamer Bundesparteitag über den immer offeneren Kampf um den Kurs gegenüber Israel. Damals hatte die Linke Israels Vorgehen in Gaza als Völkermord bezeichnet. Gleichzeitig wurde innerhalb der Partei über Hamas-Verharmlosung, Antizionismus und antisemitische Parolen gestritten. Was damals wie ein schwerer Richtungsstreit wirkte, ist inzwischen auf Berliner Wahlkampfbühnen und in Ausschlussanträgen angekommen.

Der bequemste Ausweg wäre jetzt wieder das Wort „Einzelfall“.

Nur werden die Einzelfälle langsam ziemlich gesellig.

Dahabflex war einer. Kilani war einer. Bruns soll offenbar ebenfalls einer sein. Die LAG Palästinasolidarität verteidigt wiederum Teile dieses Milieus. Parteimitglieder, die dagegenhalten, warnen selbst vor einer Verwässerung antisemitismuskritischer Positionen. Gleichzeitig erklärt die Parteiführung öffentlich, sie kämpfe entschlossen gegen Antisemitismus.

An Bekenntnissen mangelt es der Linken nicht.

An Konflikten mit den eigenen Bekenntnissen offensichtlich auch nicht.

Bei Hannah Bruns ist die Sache besonders deutlich. Sie hat ihre Position nicht in einem vertraulichen Gespräch formuliert und wurde auch nicht mit einem heimlich aufgenommenen Halbsatz erwischt. Sie sprach öffentlich über Tel Aviv. Sie wurde ausdrücklich nach dem Massaker vom 7. Oktober gefragt. Sie rief öffentlich zur Intifada auf.

Jetzt liegt offenbar ein Ausschlussantrag vor.

Und während die Linke darüber diskutiert, wer ihn unterschreibt, bleibt Bruns Mitglied.

Vielleicht ist genau das inzwischen die treffendste Beschreibung des Antisemitismusproblems dieser Partei: Die richtigen Beschlüsse sind längst geschrieben.

Nur bei den Konsequenzen wird es plötzlich kompliziert.

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