Acht Tage vor der Knessetwahl zeigen sich erhebliche Unterschiede beim Umgang mit Gaza und dem Westjordanland. Gegenüber Iran, der Hisbollah und den Bedrohungen aus Syrien liegen die Positionen der beiden Politiker dagegen näher beieinander.

Israel steht acht Tage vor einer Parlamentswahl, bei der die nationale Sicherheit eine zentrale Rolle spielt. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und sein wichtigster Herausforderer Gadi Eisenkot vertreten unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie Israel seine militärischen Erfolge in dauerhafte Sicherheit umwandeln kann. Eine Analyse der Jerusalem Post zeigt jedoch, dass beide Politiker wesentliche Bedrohungen ähnlich bewerten. Die größten Unterschiede betreffen den Gazastreifen, den Umgang mit jüdischem Extremismus im Westjordanland und die Beziehungen zu westlichen Partnerstaaten.

Eisenkot ist kein Politiker, der Israels Sicherheit ausschließlich durch diplomatische Zugeständnisse gewährleisten möchte. Der frühere Generalstabschef steht für eine militärisch entschlossene Linie gegenüber bewaffneten Gegnern. Er unterstützt Sicherheitszonen an gefährdeten Grenzen und lehnt eine kurzfristige palästinensische Staatsgründung ab.

Beim iranischen Atomprogramm verfolgen beide Politiker ebenfalls einen harten Kurs. Weder Netanjahu noch Eisenkot wollen ein internationales Abkommen akzeptieren, das Iran den Weg zu einer militärischen Nuklearfähigkeit offenhalten würde. Beide schließen erneute militärische Angriffe nicht aus, falls sich die Bedrohung entsprechend zuspitzt.

Unterschiedlich ist vor allem die diplomatische Vorgehensweise. Netanjahu setzt stärker auf öffentlichen Druck gegenüber Washington. Eisenkot bevorzugt nach bisherigen Aussagen vertrauliche Verhandlungen, um amerikanische Entscheidungen zu beeinflussen.

In einem früheren Bericht beschrieb die Jerusalem Post außerdem Eisenkots Vorschlag, besonders sensible iranische Nuklearstandorte unter eine ausdrückliche amerikanische militärische Abschreckungsdrohung zu stellen. Veränderungen an geschützten Beständen hochangereicherten Urans könnten dann eine militärische Reaktion auslösen.

Die Grundfrage bleibt für beide dieselbe: Wie lässt sich verhindern, dass Iran seine nuklearen und ballistischen Fähigkeiten zu einer existenziellen Bedrohung Israels ausbaut?

Hamas bleibt das ungelöste Problem

Deutlich komplizierter sind die Unterschiede beim Gazastreifen.

Netanjahu hält an seiner Forderung fest, die Hamas vollständig zu entwaffnen und ihre Herrschaft zu beenden. Trotz erheblicher militärischer Verluste verfügt die Terrororganisation nach israelischen Einschätzungen weiterhin über bewaffnete Strukturen und politischen Einfluss.

Das Problem besteht darin, dass militärische Erfolge nicht automatisch eine neue politische Ordnung schaffen.

Israel hat zahlreiche Hamas-Kommandeure getötet, militärische Infrastruktur zerstört und große Gebiete zeitweise kontrolliert. Die Organisation ist dadurch erheblich geschwächt worden. Eine verlässliche politische Alternative zu ihrer Herrschaft konnte bislang jedoch nicht dauerhaft etabliert werden.

Netanjahu setzt weiterhin auf militärischen und wirtschaftlichen Druck. Eine umfassende Wiederherstellung des Gazastreifens soll nach seiner Position nicht erfolgen, solange die Hamas ihre Waffen behält.

Eisenkot möchte dagegen stärker auf die Einbindung anderer politischer und administrativer Kräfte setzen. Dazu gehören technokratische Verwaltungsstrukturen mit Verbindungen zur Palästinensischen Autonomiebehörde sowie internationale Sicherheitsmechanismen.

Hier entsteht allerdings eine erhebliche sicherheitspolitische Frage.

Eine zivile Verwaltung beseitigt keine terroristische Organisation, solange deren bewaffnete Strukturen bestehen bleiben. Die Hisbollah im Libanon zeigt, wie eine bewaffnete Bewegung trotz staatlicher Institutionen langfristig eigenständige militärische Macht ausüben kann.

Genau dieses Risiko besteht auch in Gaza. Die Hamas könnte einen Teil ihrer sichtbaren Regierungsfunktionen abgeben, ihre militärischen Strukturen jedoch erhalten und weiterhin politischen Einfluss ausüben.

Eisenkots Ansatz soll verhindern, dass Israel dauerhaft für die zivile Verwaltung des Gazastreifens verantwortlich wird. Ob internationale Kräfte oder palästinensische Verwaltungsorgane die Hamas tatsächlich entmachten könnten, bleibt jedoch ungeklärt.

Auch ein Wiederaufbau schafft nicht automatisch Sicherheit. Wenn bewaffnete Organisationen Zugriff auf Baumaterial, Finanzmittel oder örtliche Verwaltung erhalten, besteht die Gefahr, dass zivile Ressourcen erneut für militärische Zwecke genutzt werden.

Darin liegt die eigentliche Schwierigkeit für jede kommende israelische Regierung. Die Hamas darf nicht wieder die Fähigkeiten entwickeln, mit denen sie den Terrorangriff vom 7. Oktober 2023 vorbereitete. Zugleich benötigt Gaza eine Verwaltung, die nicht unter der Kontrolle der Terrororganisation steht.

Weder Netanjahu noch Eisenkot hat bisher einen nachprüfbaren Weg vorgestellt, mit dem sich beide Ziele kurzfristig erreichen lassen.

Westjordanland: Der deutlichste politische Gegensatz

Im Westjordanland unterscheiden sich die Positionen erheblich stärker.

Beide Politiker betrachten palästinensischen Terrorismus als zentrale Sicherheitsbedrohung. Über die Bekämpfung gewalttätiger jüdischer Extremisten und den weiteren Ausbau israelischer Siedlungen bestehen dagegen grundlegende Differenzen.

Eisenkot will nach den Recherchen der Jerusalem Post die administrative Haft gegen besonders gefährliche jüdische Extremisten wieder ermöglichen. Verteidigungsminister Israel Katz hatte diese Praxis Anfang 2025 ausgesetzt.

Außerdem soll die Polizei konsequenter gegen gewalttätige Gruppen vorgehen. Auch personelle Veränderungen in den Sicherheitsbehörden werden in diesem Zusammenhang diskutiert.

Die jüngsten Angriffe auf palästinensische Olivenbauern, eine amerikanische Journalistin und europäische Diplomaten zeigen, wie ernst dieses Problem geworden ist. Israelische Sicherheitskräfte haben inzwischen mehrere Verdächtige festgenommen.

Unabhängig davon bleibt die Bekämpfung palästinensischer Angriffe erforderlich. Erst am Montag wurde das Fahrzeug einer israelischen Knessetkandidatin nahe Turmus Ayya mit Steinen attackiert. Eine Scheibe zerbrach, Insassen wurden verletzt.

Die beiden Formen der Gewalt dürfen weder miteinander gerechtfertigt noch gegeneinander aufgerechnet werden. Ein Staat muss sowohl seine Bürger vor Terror schützen als auch Angriffe aus den eigenen Reihen verhindern.

Bei der Siedlungspolitik setzt Eisenkot auf eine weitgehende Begrenzung neuer Projekte. Insbesondere den Ausbau des umstrittenen Gebiets E1 östlich von Jerusalem würde er voraussichtlich stoppen.

Netanjahu verfolgt dagegen eine Politik, die Israels Präsenz in Teilen des Westjordanlandes weiter festigt. Seine Regierung begründet dies unter anderem mit historischen Ansprüchen und Sicherheitsinteressen.

Eisenkot verspricht sich von einem Kurswechsel bessere Beziehungen zu europäischen Staaten. Allerdings würde auch seine Politik den grundlegenden Konflikt zwischen israelischen Sicherheitsbedürfnissen und palästinensischen Gebietsansprüchen nicht unmittelbar lösen.

Eine kurzfristige Zweistaatenlösung lehnt er ebenfalls ab.

Libanon, Syrien und die Bedeutung der USA

Gegenüber der Hisbollah im Libanon bestehen zwischen beiden Politikern nur begrenzte Unterschiede.

Netanjahu und Eisenkot wollen verhindern, dass die Terrororganisation ihre militärischen Stellungen unmittelbar an Israels Nordgrenze wiederherstellt. Beide befürworten deshalb die Aufrechterhaltung einer Sicherheitszone und würden einen israelischen Rückzug an überprüfbare Bedingungen knüpfen.

Eisenkot hat dabei eine Schutzzone von etwa acht Kilometern als wichtige Sicherheitsanforderung bezeichnet. Damit sollen insbesondere Angriffe mit Panzerabwehrraketen auf israelische Ortschaften verhindert werden.

Auch gegenüber Syrien herrscht weitgehende Übereinstimmung. Beide Politiker betrachten die Sicherheitslage an der Grenze als instabil und begegnen Präsident Ahmed al-Scharaa wegen seiner früheren Verbindungen zu al-Qaida mit Misstrauen.

Der wichtigste Unterschied liegt erneut in der diplomatischen Arbeitsweise. Eisenkot möchte Frankreich stärker in Verhandlungen über den Libanon einbeziehen und die Zusammenarbeit mit europäischen Partnern verbessern.

Netanjahu setzt stärker auf die direkte Zusammenarbeit mit Washington und ausgewählten regionalen Partnerstaaten.

Besonders wichtig bleibt dabei die Beziehung zu den Vereinigten Staaten. Israel ist militärisch auf amerikanische Waffensysteme, Ersatzteile und internationale Unterstützung angewiesen.

Donald Trump hat sich wenige Tage vor der Wahl ausdrücklich für Netanjahu ausgesprochen. Eine langfristige Sicherheitsstrategie kann jedoch nicht allein auf der persönlichen Beziehung zwischen zwei Regierungschefs beruhen.

Unabhängig davon, wer Israel nach der Wahl führt, wird die Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten für die Verteidigungsfähigkeit des Landes von zentraler Bedeutung bleiben.

Die Sicherheitsdebatte lässt sich deshalb nicht auf die Frage reduzieren, welcher Politiker gegenüber seinen Gegnern härter auftritt.

Netanjahu setzt auf anhaltenden militärischen Druck und die Ablehnung von Zugeständnissen, die aus seiner Sicht Israels Sicherheit untergraben könnten. Eisenkot möchte militärische Abschreckung stärker mit internationalen Vereinbarungen und einer Neuordnung der regionalen Beziehungen verbinden.

Beide Ansätze müssen sich an denselben Problemen messen lassen: Die Hamas ist weiterhin nicht vollständig entmachtet, die Hisbollah bleibt bewaffnet und das iranische Regime verfolgt weiterhin eine gegen Israel gerichtete Politik.

Für die israelischen Wähler geht es am 27. Oktober daher nicht nur um zwei politische Persönlichkeiten. Es geht um die Frage, welche konkreten Sicherheitsmaßnahmen die nächste Regierung tatsächlich umsetzen kann und wie dauerhaft diese das Land schützen würden.

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