Vor dem britischen Regierungssitz haben Unterstützer Israels gegen die neuen Sanktionen demonstriert. Ihre Botschaft trifft den Kern des Streits: Warum schafft London weitreichende Wirtschaftsmaßnahmen gegen israelische Gemeinden, während Terrorismus in anderen Konfliktgebieten mit gezielteren Instrumenten beantwortet wird?

Vor Downing Street ist der Streit über Großbritanniens neuen Kurs gegenüber Israel auf die Straße getragen worden. Unter dem Motto „Sanction Terror Not Judea and Samaria“ versammelten sich am Mittwochabend Demonstranten vor dem Amtssitz von Premierminister Andy Burnham. Auf Plakaten standen Botschaften wie „Israel is an Ally not an Enemy“.

Organisiert wurde die Kundgebung von Stop the Hate UK, einer jüdisch geführten Initiative, die sich seit dem Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 gegen Antisemitismus und antiisraelische Hetze engagiert. Zu den Rednern gehörten Gründer Itai Galmudy, der Aktivist Mark Birbeck, der Komiker Josh Howie sowie Richard Tice, stellvertretender Vorsitzender von Reform UK.

Die Demonstration war die jüngste Reaktion auf die Entscheidung der Labour-Regierung, den Handel mit Waren aus israelischen Gemeinden in Judäa und Samaria einzuschränken. Großbritannien, Frankreich und Kanada wollen nationale Verbote vorantreiben. Weitere Staaten unterstützen nationale oder europäische Maßnahmen beziehungsweise prüfen solche Schritte. Die britischen Regeln sollen darüber hinaus Unternehmen und Personen erfassen können, die nach Auffassung Londons durch Bauleistungen, Infrastruktur, Finanzierung oder Immobiliengeschäfte die israelischen Gemeinden unterstützen.

„Warum dieser Maßstab nur bei Israel?“

Galmudy stellte vor Downing Street genau die Frage, die inzwischen auch israelische Wirtschaftsvertreter und britisch-jüdische Organisationen beschäftigt. Großbritannien greife gegenüber Israel zu breit angelegten wirtschaftlichen Maßnahmen gegen ganze Gebiete und wirtschaftliche Strukturen, während es in anderen vom Terror geprägten Regionen gezielter gegen Organisationen und einzelne Verantwortliche vorgehe.

Als Beispiele nannte er den Jemen, wo die vom Iran unterstützten Huthi-Terroristen große Gebiete kontrollieren, sowie den Libanon, wo die Hisbollah-Terrororganisation weiterhin über erheblichen militärischen Einfluss verfügt.

Großbritannien sanktioniert sowohl Terrororganisationen als auch iranische Netzwerke und deren Unterstützer. Der Vorwurf der Demonstranten richtet sich deshalb nicht darauf, dass London Terror grundsätzlich unbehelligt lasse. Er richtet sich gegen die unterschiedliche Reichweite der Maßnahmen.

Bei Israel soll nicht nur ein konkreter Gewalttäter oder eine Organisation getroffen werden. London will wirtschaftliche Beziehungen zu israelischen Gemeinden in Judäa und Samaria unterbrechen und künftig auch Unternehmen wegen Dienstleistungen, Finanzierung und Infrastruktur erfassen.

Genau daraus entsteht der Vorwurf des Doppelstandards.

Mark Birbeck von Our Fight sprach von einer Entwicklung, bei der Antiisraelismus zunehmend zu einem politischen Weltbild werde. Nach seiner Darstellung habe die Vorstellung, Israel sei für eine Vielzahl internationaler Probleme verantwortlich, inzwischen Teile der britischen Politik erreicht.

Das ist eine politische Bewertung Birbecks. Die Entwicklung des Antisemitismus in Großbritannien lässt sich dagegen messen.

Der Community Security Trust registrierte allein zwischen Januar und Juni 2026 insgesamt 1.926 antisemitische Vorfälle im Vereinigten Königreich. Das war der zweithöchste jemals für ein erstes Halbjahr erfasste Wert und 21 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum 2025.

Allein in Greater London wurden 994 Vorfälle registriert. In 676 Fällen stellte CST ausdrücklich eine antizionistische Motivation gemeinsam mit antijüdischer Sprache oder gezieltem Vorgehen gegen Juden fest. Begriffe wie „Zionist“ und „Zionismus“ wurden in 204 Vorfällen häufig als Ersatzbegriffe für Juden oder jüdische Identität verwendet.

Damit fällt die britische Sanktionspolitik in eine gesellschaftliche Situation, in der die Trennung zwischen Kritik an israelischer Politik und Feindseligkeit gegenüber Juden längst nicht nur theoretisch diskutiert wird.

Großbritanniens Oberrabbiner Ephraim Mirvis hatte deshalb bereits vor der Verkündung der Sanktionen gewarnt. Er bezeichnete die geplanten Maßnahmen als kontraproduktiv und warnte davor, dass sie in einen faktischen Boykott Israels übergehen und zugleich britische Juden stärker unter Druck setzen könnten.

haOlam hatte bereits vor der Entscheidung über diese Warnungen und die möglichen Folgen für palästinensische Arbeitnehmer berichtet. London plant Handelsverbot gegen israelische Siedlungen: Oberrabbiner warnt vor de‑facto-Boykott

Aus Warnungen wird offener Protest

Josh Howie griff auf der Kundgebung einen weiteren Widerspruch auf. Ein Boykott israelischer Unternehmen in Judäa und Samaria könne auch palästinensische Arbeitnehmer treffen, die dort beschäftigt sind. Bereits britisch-jüdische Organisationen und UK Lawyers for Israel hatten vor diesem Effekt gewarnt. Die Organisation argumentiert zudem, dass ein umfassendes Handelsverbot mit bestehenden britischen Handelsverpflichtungen kollidieren könnte. Diese Rechtsauffassung ist umstritten, zeigt aber, dass Londons Vorhaben weit über eine symbolische außenpolitische Geste hinausgeht.

Die politische Unterstützung für die Demonstranten kam von Richard Tice. Er hatte die Sanktionen bereits einen Tag zuvor im Unterhaus als „grave mistake“ bezeichnet und davor gewarnt, sie könnten Antisemitismus gegen britische Juden fördern, das Verhältnis zu Israel und den Vereinigten Staaten beschädigen und israelische Gegenmaßnahmen auslösen. Seine Kritik ist im Parlamentsprotokoll dokumentiert.

Genau diese Gegenmaßnahmen kamen umgehend.

Außenminister Gideon Sa’ar kündigte die Schließung des britischen Konsulats in Jerusalem an. Britische Vertreter werden aus dem internationalen Koordinierungszentrum in Kirjat Gat ausgeschlossen. Die britische Ausbildung palästinensischer Sicherheitskräfte in Ramallah wird beendet. Außerdem verhängte Israel Einreiseverbote gegen zwölf britische Politiker und weitere Personen.

haOlam berichtete bereits über die ungewöhnlich harte israelische Antwort und den Verlust britischer Einflussmöglichkeiten in israelisch geführten Sicherheitsstrukturen. London sanktioniert Israel, Jerusalem schließt britisches Konsulat

London verteidigt seinen Kurs weiterhin. Burnham bezeichnete die Entscheidung am Mittwoch als Ausdruck britischer Führung auf internationaler Ebene. Außenminister Ed Miliband erklärte, er sei stolz auf die Maßnahmen und halte sie für richtig. Gleichzeitig betont die Regierung, Israel bleibe ein Partner und der Handel mit Israel innerhalb der Grünen Linie solle fortgeführt werden.

Gerade diese Konstruktion überzeugt die Demonstranten vor Downing Street nicht.

Sie sehen eine Regierung, die ihre wirtschaftlichen Instrumente gegen jüdische Gemeinden in Judäa und Samaria erweitert, während Israel gleichzeitig als wichtiger Sicherheitspartner bezeichnet wird.

Sie sehen einen Staat, dessen jüdische Bevölkerung mit einem historisch hohen Niveau antisemitischer Vorfälle konfrontiert ist.

Und sie sehen eine politische Debatte, in der Forderungen nach immer weitergehenden Sanktionen gegen Israel längst über Judäa und Samaria hinausreichen.

Am Mittwoch stand deshalb nicht nur ein Protest gegen ein Importverbot vor Downing Street.

Dort wurde eine grundsätzlichere Frage gestellt:

Warum wird ausgerechnet gegenüber Israel ein wirtschaftlicher Maßstab entwickelt, der von einzelnen Personen über Unternehmen und Banken bis zu ganzen geografischen Gebieten reicht

Die Demonstranten hatten ihre Antwort auf die Plakate geschrieben.

„Sanktioniert Terror, nicht Judäa und Samaria.“

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