Missverständnisse, Missbrauch und eine bequeme Verzerrung

Von Ana Kasparians Behauptung, Israelis würden weltweit verachtet, weil sie sich für Gottes auserwähltes Volk hielten, bis hin zu Roger Waters’ wirrer Behauptung, Israelis wollten zunächst den Nahen Osten erobern und dann „die Welt für alle Ewigkeit beherrschen“, weil sie sich selbst als das „auserwählte Volk“ und alle anderen als „nicht menschlich“ sähen – ähnliche Hetzreden sind Ihnen in den sozialen Medien sicher schon begegnet.

Kaum ein anderer Begriff im Judentum wurde so hartnäckig verfälscht wie „das auserwählte Volk“.

Er wird regelmäßig gegen Juden und Israel instrumentalisiert und als vermeintlicher Beweis für jüdisches Überlegenheitsdenken oder eine rassische Hierarchie angeführt. In dieser Darstellung wird die jüdische Identität auf den Anspruch einer angeborenen Überlegenheit reduziert, was im direkten Widerspruch zur zentralen Lehre der Bibel steht, dass alle Menschen nach Gottes Ebenbild geschaffen sind.

Diese Verzerrung ist kein Zufall. Sie spiegelt eine breitere Tendenz jüdische Geschichte und Theologie in Kategorien zu pressen, die nicht passen, insbesondere in eine moderne rassische Perspektive, die sowohl historisch als auch begrifflich fehl am Platz ist.

Diese Perspektive wird besonders grotesk, wenn sie im Schatten der Schoah angewendet wird, die selbst in der zeitgenössischen Debatte häufig fehlverwendet wird. Die Anklage wird umgekehrt: Die Opfer einer rassistischen Ideologie werden als deren Erben dargestellt, wobei „Auserwähltheit“ als Beweis für Ausschluss, Reinheit oder Dominanz präsentiert wird.

Zunächst ignoriert dieses Argument eine grundlegende Realität: Juden sind keine Rasse. Jüdische Gemeinschaften erstrecken sich über Kontinente und Kulturen — von äthiopisch über indisch bis europäisch und nahöstlich — verbunden nicht durch rassische Homogenität, sondern durch gemeinsame Geschichte, Gesetz und Tradition.

Noch grundlegender verkennt es die Bedeutung des Begriffs selbst.

Was bedeutet es also tatsächlich, „auserwählt“ zu sein?

Das Konzept stammt aus der Thora, am deutlichsten in Exodus (2. Mose) 19,6 am Sinai, wo die Israeliten als „heiliges Volk“ beschrieben werden und durch die Übergabe der Zehn Gebote in den Bund mit Gott eintreten. Es wird in Deuteronomium (5. Mose) 7,6 wiederholt, wo sie als „kostbares Volk“ bezeichnet werden.

Aber „auserwählt“ bedeutet in diesem Zusammenhang kein Privileg im modernen Sinn. Es bedeutet Verpflichtung.

Es ist eine Bezeichnung, die an den Bund gebunden ist, ein verpflichtendes Engagement für einen bestimmte Gesetzeskodex, ethischen Anforderungen und Verantwortlichkeiten. Anstatt Juden über andere zu erheben, erlegt es eine Last auf: gemäß eines anspruchsvollen moralischen und religiösen Rahmens zu leben und als Modell ethischen Handelns zu dienen.

Die Idee reicht zurück zu Abraham im Buch Genesis (1. Mose) und zum Entstehen der Israeliten. In der jüdischen Tradition ist Abraham die Gestalt, die den einen Gott erkennt und die heidnische Welt um sich herum zurückweist. Das ist bedeutsam, weil der alte Nahe Osten überwiegend polytheistisch war. Die Ägypter verehrten ein riesiges Pantheon an Göttern mit unterschiedlichen Kräften und Zuständigkeitsbereichen; die mesopotamische Religion konzentrierte sich auf mehrere Gottheiten, die in Kultstatuen verkörpert waren, die in Tempeln untergebracht und dort bedient wurden; und die Griechen wandten sich ebenfalls an verschiedene Götter für unterschiedliche Bereiche des Lebens und der Natur.

In der jüdischen Tradition ist Abraham der erste große Monotheist, die Gestalt, die den einen Gott in einer Welt erkennt, die von Götzenverehrung beherrscht wird. Dieser Glaube wird zur Grundlage jüdischen Glaubens und jüdischer Praxis, am deutlichsten ausgedrückt in der zentralen Erklärung der Einheit Gottes, die das jüdische Gebet trägt.

Der Gott, den Abraham erkennt, ist kein lokaler oder begrenzter Gott, sondern der Schöpfer von allem: Himmel und Erde, Tag und Nacht und allen lebenden Wesen. Allein diese Vorstellung markierte einen radikalen Bruch mit den religiösen Normen der antiken Welt.

Abraham wird auch so verstanden, dass er für diesen Glauben einen Preis zahlte. Er wies die Götzen seiner Zeit zurück, brach mit der Gesellschaft um ihn herum und verließ seine Heimat auf Gottes Befehl hin; er trat in ein Leben ein, das von Glauben und Ungewissheit geprägt war.

Und das ist der entscheidende Punkt, der oft übersehen wird. Die biblische Geschichte ist nicht die eines Volkes, das passiv als überlegen ausgewählt wird, sondern die einer Familie und später einer Nation, die in eine bindende Beziehung mit einem Gott eintritt und die Verpflichtungen akzeptiert, die damit einhergehen.

Diese Verpflichtung hatte Folgen weit über das jüdische Volk hinaus. Zwei der größten Religionen der Welt, das Christentum und der Islam, gehen aus dieser Tradition hervor. Beide sind in der Vorstellung eines einzigen Gottes verwurzelt und greifen direkt auf zentrale Elemente der hebräischen Bibel zurück. Das Konzept des ethischen Monotheismus, das zuerst in der jüdischen Tradition formuliert wurde, blieb nicht auf ein Volk beschränkt. Es veränderte die religiöse Landschaft eines großen Teils der Welt.

„Auserwähltheit“ ist daher keine abstrakte oder nach innen gerichtete Idee. Ihr Einfluss war global.

In der Bibel ist die Beziehung zwischen Gott und Menschheit nicht statisch. Sie ist dynamisch und zuweilen umstritten. Gott wird nicht als fern oder willkürlich dargestellt, sondern als ein Wesen, mit dem Menschen streiten, es anflehen und vernünftig sprechen können.

Am deutlichsten sehen wir das in der Geschichte von der Zerstörung Sodoms und Gomorras, wo Abraham Gottes ursprüngliches Urteil herausfordert und geltend macht, dass die Unschuldigen nicht zusammen mit den Schuldigen vernichtet werden sollen. Die Episode ist nicht deshalb bemerkenswert, weil Abraham „gewinnt“, indem er die Schwelle auf zehn Gerechte senkt, sondern weil er überhaupt argumentiert. Sie etabliert ein Modell moralischer Auseinandersetzung, nicht passiver Unterwerfung.

An anderer Stelle zeigt die Bibel wiederholt, dass der Bund an Bedingungen geknüpft ist. Die Israeliten werden nicht als bedingungslos erhöht dargestellt, sondern als verantwortlich. In der Geschichte der Kundschafter führt ihr Mangel an Glauben dazu, dass eine ganze Generation vom Eintritt ins Gelobte Land ausgeschlossen wird. Selbst Moses ist nicht von Konsequenzen ausgenommen.

Die Botschaft ist eindeutig. „Auserwählt“ bedeutet nicht garantiert. Es bedeutet gebunden durch Verpflichtungen. In einem modernen Kontext umfasst diese Verpflichtung den Aufbau einer gerechten Gesellschaft, den Widerstand gegen Unterdrückung und den Schutz der Schwachen; die Achtung der menschlichen Würde in Recht, Wirtschaft und Krieg; die Bewahrung der Schöpfung statt ihrer Ausbeutung; und das Streben nach Wahrheit und Integrität im öffentlichen Leben, selbst wenn es etwas kostet.

Auch ist dieser Bund nicht vollständig geschlossen. Die Hebräische Bibel erkennt gerechte Individuen außerhalb des jüdischen Volkes an und das jüdische Recht hat seit Langem festgehalten, dass Konvertiten vollständig Teil der Nation sind, ohne geringeren Status. Der Eintritt in den Bund ist nicht rassisch, sondern durch Verpflichtung definiert.

Die Formulierung „Auserwähltes Volk“ ist zu einer rhetorischen Waffe geworden, die eingesetzt wird, um Juden genau der Weltanschauung zu beschuldigen, die ihre Tradition zurückweist.

Ein Bund der Verpflichtung wird zum Anspruch auf Überlegenheit umgedeutet. Ein System, das auf Gesetz, Zurückhaltung und Verantwortlichkeit aufgebaut ist, wird zu etwas Rassischem und Ausgrenzendem verdreht.

Aber die Verzerrung hält nicht stand. „Auserwählt“ bedeutet im Judentum nicht erhöht. Es bedeutet verpflichtet.

Und die Weigerung, das zu verstehen, ist kein intellektuelles Versagen. Es ist eine Entscheidung.


Anmerkung [HEPLEV]:

Die Autorin lässt einen wichtigen Aspekt aus. In Jesaja 49,3 bezeichnet Gott Israel als sein auserwähltes Volk, „an dem ich mich verherrlichen will“. Das bedeutet, dass Gott an diesem Volk zeigt, wer er ist; dass er Zusagen/Versprechen einhält, dass er schützt und dass er Treue beweist. Das Volk Israel hat gegen alle Wahrscheinlichkeiten überlebt – weder die Assyrer, noch die Babylonier, die Pharaonen-Ägypter, die Griechen, die Römer, die Inquisition, die Muslime und auch die nicht die Nazis oder die Kommunisten haben es vernichten können. Imperien sind untergegangen, aber das kleine Volk Israel hat überlebt und besteht fort.
Das ist die grundlegende Unterscheidung zwischen dem, was Gottes auserwähltes Volk ist und was die Judenhasser ihm unterstellen. Nicht Herrenrasse/-menschen, sondern Subjekt der Verherrlichung.

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