• Von Roland M. Horn

(Zum Beitragsbild: Collage aus Israel-Flagge und einer Karte des Gazastreifens nach Lencer, CC BY-SA 3.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0>, via Wikimedia Commons; RMH)

Seit wird im anhaltenden Krieg zwischen Israel und der Terrororganisation Hamas im Gazastreifen auf eine Bodenoffensive gewartet, die dem tagelangen Beschuss des Gazastreifens aus der Luft folgen bzw. sie begleiten soll.

Nun erklärt Israel, dass der nächste Schritt in diesem Krieg nicht zwingend eine Bodenoffensive sein müsse. Der Armeesprecher Richard Hecht sagte: „Alle sprechen von einer Bodenoffensive, aber es könnte etwas anderes sein“.

Victor Rosenthal forderte vor einigen Tagen, dass das vorrangigste Ziel des Gaza-Feldzugs die Wiederherstellung von Israels Ehre und Abschreckungsfähigkeit im Nahen Osten sein müsse. Dies sei eine existentielle Voraussetzung für das Überlebens seines Staates, Israel. Rosenthal bezeichnet die Untaten der Hamas, die den Krieg auslösten – absolut nicht zu Unrecht! – als das schlimmste Massaker seit dem Holocaust und fordert, dass die Hamas-Führer als Kriegsverbrecher getötet werden sollten. Die Gesamtzahl der Opfer im Gazastreifen müsse zehnmal so hoch sein wie die Zahl der ermordeten und verletzten Israelis. Das klingt hart und für „westliche Ohren“ nicht ganz verständlich. Rosenthal ist aber Israeli durch und durch und kein „Westler“. Langfristig müsse, wie er weiter sagt, Israel in der Lage sein, die Bevölkerung zu kontrollieren und den Aufstieg eines neuen Terrorregimes zu verhindern oder alternativ einen Wandel in der Bevölkerung zu erzwingen, so dass diese keine Bedrohung mehr darstelle. Weiter erklärte Rosenthal, dass Israel den größten Teil der Bevölkerung des Gazastreifens in den Sinai zwingen sollte, wo sie in die Verantwortung der internationalen Gemeinschaft fiele, die das Problem überhaupt erst geschaffen hat. Um der Gerechtigkeit willen sollten den Juden, die 2005 auf grausame Weise aus ihren Häusern vertrieben wurden, Land in Gaza sowie finanzielle Hilfe zur Verfügung gestellt werden.

Wir erinnern uns: 2005 wurde infolge eines Beschlusses der Regierung unter dem angeblichen Hardliner Ariel Scharon der Gazastreifen geräumt, um ihn an die Palästinensische Autonomiebehörde, eine aus Arafats PLO hervorgegangene Organisation, die angeblich dem Terrorismus abgeschworen hatte, als Geste des guten Willens abzugeben. Zu diesem Zweck wurde er, um es profan auszudrücken, platt gemacht. Bagger  fuhren über die Besitztümer der israelischen Bewohner, die zuvor allesamt aus dem Gazastreifen evakuiert wurden, und vernichteten alles, was in diesem Gebiet jüdisch war. So folgte Scharon der eigentlich von Linken stammenden Formel „Land gegen Frieden“, was sich bitter rächte, als die militante Hamas Wahlen in Gaza gewann und seither Israel mittels Raketenbeschuss terrorisierte. Israel gab sich – bis zu den jüngsten Ereignissen, die zu Israels Kriegserklärung führten -mit Vergeltungsschlägen zufrieden, und die israelischen Bürger nahe des Gazastreifens lebten in ständiger Angst, mussten immer wieder in den Bunker.

Rosenthal liegt mit seiner Überlegung, dass Stärke gefordert wird und nicht Nachgiebigkeit sicher richtig und hat und seine Grundüberlegungen sind gut begründet.

Auch Elder von Ziyon forderte, dass Israel einen totalen Krieg führen müsse und begründet dies mit den Worten: „Ein beschränkter Krieg, der die Mörder und Vergewaltiger an der Macht lässt, und ein vom Iran kontrollierter Kleinstaat nur wenige Meter von jüdischen Gemeinden entfernt, ist nicht mehr akzeptabel, nicht einmal denkbar. Dem Bösen kann nicht erlaubt werden zu bleiben. Israel muss die Hamas-Mentalität übernehmen und den Feind ausmerzen und mit den Terroristen so umgehen, wie die Hamas es mit jedem einzelnen israelischen Mann, Frau und Kind machen will. Israel muss die Hamas und die anderen Terrororganisationen eliminieren. Egal, was es kostet.“

Einige Tag vor seinen oben angesprochenen Äußerungen schlug Rosenthal einen schnellen Feldzug vor, um eine humanitäre Krise im Gazastreifen auszulösen, die Bewohner nach Süden an die ägyptische Grenze zu treiben und Ägypten dazu zu bewegen, die Grenze für Flüchtlinge zu öffnen. Nach der Evakuierung der Bevölkerung sollte der Gazastreifen von Juden besiedelt und schließlich an Israel angegliedert werden.

Tatsächlich forderte die Israelische Regierung die zivile Bevölkerung dazu auf, sich ins Grenzgebiet nach Ägypten zu begeben. Der Grenzübergang ist jedoch noch geschlossen. Vermutlich wartet Israel auf die Öffnung (und arbeitet im Hintergrund auf diplomatischer Ebene daran) und den Abschluss des Evakuierungsprozesses, bevor sie die Bodenoffensive startet. Die Herauszögerung der Bodenoffensive könnte also durchaus humanitäre Gründe haben!

Niki Vogt berichtet über Informationen, die vom Insider Seymour Hersh stammen. Der will in Erfahrung gebracht haben, dass Israel plant, den Gazastreifen de facto zu vernichten, in dem es ihn entvölkert. Um die Hamas zu vertreiben (Vogt fügt hier noch ein „und damit eigentlich alle Palästinenser“ ein) plane die israelische Regierung keine große Bodenoffensive mit der Armee, sondern wolle als erste Maßnahme das „palästinensischer Restland ‚Gazastreifen'“ von Wasser, Energie und Lebensmittel abschneiden und bombardieren, bis schließlich auch jene die es eine Weile überleben, aufgeben müssten. “

Danach soll Gaza erst mit „Superbomben“ „bis tief in den Boden ‚plattgemacht“'“ werden, und dann erst kommen die Bodentruppen und erledigen den Rest – so der angebliche Plan. Der hamas-freundiche Iran kontere mit einer massiven Gegendrohung.“

Vogt berichtet weiter, dass Hersh (und seinen Insiderquellen zufolge) sich die Israels an der Belagerung Leningrads durch die deutsche Wehrmacht orientierten, der beinahe 900 Tage dauerte und ungefähr 800.000 Tote fordere. Dieser unselige Vergleich war zuvor bereits von Wladimir Putin gezogen worden.

Über die Quellen von Hershs Informationen sagt Vogt: „Diese Information erhielt Seymour Hersh nach eigenem Bekunden von einem gut vernetzten ‚Veteranen des israelischen Sicherheitsapparates, der über gutes Insiderwissen‘ zu den Ereignissen der letzten zehn Tage verfügt.“

Weiter behauptet Hersh u. a. Vogt zufolge, dass Katar Hunderte Millionen Dollar an die Hamas-Führung bezahle. Dies sei mit israelischem Einverständnis erfolgt und Nethanjahu habe sich davon versprochen, damit mehr Kontrolle über die Hamas zu gewinnen. „Dass sie hin und wieder Raketen nach Süd-Israel hineinfeuert und ihre Mitglieder zum Arbeiten nach Israel hineinkönnen, nahm er in Kauf.“. Das sind schwere Vorwürfe!

Hersh bringt Vogt zufolge noch Vorfälle in Judäa und Samaria – sie bevorzugt den gängigen Begriff Westjordanland – ins Spiel, wohl auch aus dem Grund, einen gesamt-palästinensischen Kontext herzustellen, unabhängig vor der Frage, ob dies Hershs oder Vogts Intension war. Laut Hersh wird eine große Bodenoffensive zunächst nicht möglich sein, da die 360.000 einberufenen Reservisten „nicht wirklich für so einen Kampf ausgebildet“ seien, was – wenn man sich in Erinnerung ruft, was die israelische Armee zu leisten in der Lage ist und wie die Soldaten ausgebildet werden, vollkommen unglaubwürdig klingt. Ein ganz klein wenig sieht es so aus, als versuche Vogt mit dem folgenden Satz und dem, was danach folgt, Stimmung gegen Israel machen zu wollen, dies kann aber auch dem etwas sensationsheischenden Stil des gesamten Artikels – sei er angebracht oder nicht – geschuldet sein: „Voll einsatzbereit sind die israelische Luftwaffe und die Spezialeinheiten der Marine, sagte der Insider gegenüber Seymour Hersh. Die Luftwaffe bombardiert zurzeit pausenlos und rund um die Uhr und zerstört komplett die Infrastruktur: Wohnhäuser, Krankenhäuser, Moscheen, Einkaufsstraßen. Die zivile Bevölkerung ist dem Bombenhagel schutzlos ausgeliefert. Es gibt keine sicheren Orte mehr. Es muss die Hölle dort sein – und dazu schweigt der Westen.“

Weiter bringt Vogt eine von der – wen wundert’s? – „Human Right Watch“ hervorgebrachte Behauptung ins Spiel, dass Israel angeblich Weißen Phosphor über dem Gazastreifen abwirft – eine Behauptung, die in jedem Konflikt, an dem Israel beteiligt ist, zu Unrecht aufgeworfen wird. Hier muss man Vogt aber zu Gute halten, dass sie ein „angeblich“ einfügt.

Seymour Hersh behauptet Vogt zufolge weiter, dass Israel versuche, Katar davon zu überzeugen zusammen mit Ägypten ein Zeltlager für die Millionen oder mehr Flüchtlinge zu erreichten. –  Das aber wäre im Grunde gar nichts Schlechtes, denn das zeigt, dass Israel daran interessiert ist, die unschuldige Zivilbevölkerung aus dem Kriegsgebiet herauszuholen!

Vogt weist daraufhin, dass der iranische Außenminister sich dahingehen geäußert hat, dass der Iran in der Lage sei, innerhalb von Stunden durchzuführen in der Lage sei. Derartige Behauptungen sind aber nichts Neues und werden vom Iran immer mal wieder ausgesprochen. Ausgerechnet der genannte Außenminister – Hossein Amirabdollahian, – ein hochrangiges Regierungsmitglied eines Regimes, das die Menschenrechte seit seinem Bestehen mit Füßen tritt, äußerte demnach: „Wir können Kriegsverbrechen gegen die Menschen in Gaza nicht ignorieren.“

Angenommen – nur mal angenommen –  dass ein Teil von Hershs Informationen im Ansatz stimmen, fällt eine Übereinstimmung mit Rosenthals Vorstellungen auf: Das Herbeiführen einer humanitären Katastrophe. Aber gleichzeitig würde doch eine Lösung für die arabische Zivilbevölkerung gefunden: Das Verlassen des Gazastreifens. Israel scheint jedoch nicht darauf aus zu sein, eine humanitäre Krise auszulösen, denn mittlerweile erklärte der jüdische Staat, Lieferungen  humanitären Gütern aus Ägypten nach Gaza nicht im Weg stehen zu wollen.

Auf den ersten Blick scheint es so, als ob ein neues Flüchtlingsproblem entsteht, wenn die Zivilbevölkerung Gazas nach Ägypten migrieren muss,  im Grunde ist es aber ein Bevölkerungsaustausch: Bei der Abkopplung des Gazastreifens wurde die israelische Bevölkerung (durch die eigene Regierung!) gewissermaßen vertrieben, bzw. ins verbleibende Staatsgebiets Israels umgesiedelt, während der Gazastreifen von Arabern besiedelt wurde. Nun würde dieser Bevölkerungsaustausch gewissermaßen wieder rückgängig gemacht. Die Araber verlassen den Gazastreifen wieder und die zwangsumgesiedelten Juden kehrten zurück. Um einen derartigen Bevölkerungsaustausch handelte es sich übrigens auch im israelischen Befreiungskrieg 1848/49. Als Israel gleich nach der Gründung  von arabischen Armeen überfallen wurde, flohen Bürger aus der ihm nach dem UN-Teilungsplan den Palästina-Arabern zugesprochenen Region, wobei man mittlerweile immer mehr dahinter kommt, dass die meisten gar nicht „geflüchtet“, sondern ausgewandert sind. Was kaum Erwähnung findet ist, dass im Gegenzug jüdische Flüchtlinge aus den gegen Israel kriegsführenden Länder nach Israel flüchten mussten, so dass sie den Platz der arabischen Flüchtlinge – so es denn Flüchtlinge waren – einnahmen.

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