Wie die arabische Welt ihre Juden vertrieb und das Ergebnis als Kolonialismus bezeichnete.

Der deutsche Botschafter in Ägypten residiert in einem Haus, das einst einer jüdischen Familie gehörte. Dasselbe gilt für den Schweizer Botschafter. Und auch für den amerikanischen. Die Häuser wurden 1956 beschlagnahmt – zu genau dem Zeitpunkt, als die ägyptische Regierung in einer von den Minaretten Kairos und Alexandrias herab verlesenen Proklamation erklärte, alle Juden seien Zionisten und Staatsfeinde. Den Familien wurde gestattet, einen einzigen Koffer mitzunehmen. Sie unterzeichneten Dokumente, mit denen sie alles Übrige an die Regierung „schenkten“. Dann gingen sie. Die Häuser sind noch immer dort. Die Familien nicht.

Genau hier beginnt die Auseinandersetzung um Israel. Nicht in Europa. Hier.


Es gibt eine Geschichte über Israel, die mit bemerkenswerter Selbstsicherheit an Universitäten, bei der UNO, in den Kommentarspalten von Zeitungen, die es besser wissen sollten, erzählt wird. Die Geschichte geht so: Europäische Juden, traumatisiert von europäischer Verfolgung, kamen in ein Land, das von indigenen Arabern bewohnt war und errichteten dort mit Gewalt einen Siedlerstaat. Europäische Schuld. Europäische Migration. Europäische Macht. Kolonialismus mit einem Davidstern.

Diese Geschichte verlangt, dass man die Mehrheit der Israelis ignoriert.

Mizrahi-Juden, deren Abstammung auf den Irak, den Iran, den Jemen, Ägypten, Marokko, Libyen, Syrien, Tunesien, Algerien und den Libanon zurückgeht, bilden den größten demografischen Block in der jüdischen Bevölkerung Israels, irgendwo zwischen 45 und 61 Prozent, je nachdem, wie man Mischehen und Selbstzuordnung zählt. Kein seriöser Demograf bestreitet diese grundlegende Tatsache. Sie sind nicht europäisch. Sie sind die Nachkommen von Gemeinschaften, die mehr als zweitausend Jahre im Nahen Osten und in Nordafrika lebten, bevor das Wort „Europa“ irgendeine politische Bedeutung hatte. Viele führen ihre Herkunft auf das babylonische Exil von 586 v. Chr. zurück. Ihre Familien waren in Bagdad, bevor Rom eine Stadt war. Sie waren in Sana‘a und Kairo und Tripolis, während die Vorfahren der heutigen lautesten Antizionisten noch Heiden in Wäldern des Nordens waren.

Nach jeder Definition, die der Sprachgebrauch indigener Rechte zu ehren beansprucht, sind sie indigene Menschen des Nahen Ostens.

Die Kolonialismus-These erschwert diese Tatsache nicht. Sie verlangt ihre Auslöschung.

Diese Gemeinschaften kamen nicht aus Europa oder aus dem Nichts in den Irak und den Jemen und nach Ägypten. Sie kamen aus dem Land Israel, dorthin getragen durch die Eroberungen und Vertreibungen, die die antike Welt prägten. Das babylonische Exil von 586 v.Chr. brachte Juden nach Mesopotamien, als Nebukadnezar den Ersten Tempel zerstörte und die Bevölkerung von Juda deportierte. Spätere Wellen folgten der assyrischen Eroberung, der Zerstörung des Zweiten Tempels im Jahr 70 n.Chr. durch die Römer und den anschließenden Zerstreuungen, die jüdische Gemeinschaften in der ganzen Region verbreiteten. Die Juden von Bagdad, von Sana‘a, von Kairo, von Tripolis waren keine Einwanderer in den Nahen Osten aus irgendeinem anderen Ort. Sie waren die verbannten Kinder des Landes Israel, die in den Ländern lebten, in die Eroberung sie getrieben hatte und die ihre Sprache, ihre Texte und ihre Erinnerung an die Heimat über zweitausend Jahre bewahrten. Als sie im zwanzigsten Jahrhundert nach Israel kamen, kamen sie nicht als Kolonisatoren. Sie kehrten zurück.


Um zu verstehen, was verloren ging, muss man wissen, was existierte.

Die Juden des Irak gehörten zu den ältesten kontinuierlichen jüdischen Gemeinschaften der Erde. Ihre Wurzeln in Babylonien reichen bis zur Zerstörung des Ersten Tempels zurück. Im Irak überlebten sie überlebten nicht nur. Sie bauten dort auf. Der Talmud, der zentrale Text des jüdischen Gesetzes und Lebens, der die jüdische Praxis seit fünfzehn Jahrhunderten prägt, wurde in Babylon verfasst, in den Akademien von Sura und Pumbedita, auf dem Boden dessen, was heute der moderne Irak ist. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts stellten Juden etwa ein Drittel der Bevölkerung Bagdads. Sie waren Händler, Musiker, Regierungsbeamte, Ärzte, Bankiers. Sie sprachen Judäo-Arabisch und beteten auf Hebräisch und taten beides ohne Unterbrechung zweieinhalb Jahrtausende lang.

Die Juden des Jemen bewahrten eine liturgische Tradition, die so alt und so isoliert vom Rest der jüdischen Welt war, dass Forscher der hebräischen Phonetik sie heute studieren, um zu verstehen, wie die Sprache ursprünglich ausgesprochen wurde. Sie waren auf der Arabischen Halbinsel, bevor der Islam entstand. Ihre Pijjutim, ihre heiligen Gedichte, hatten Melodien, die der Rest der jüdischen Welt vergessen hatte.

Die Juden Marokkos und Algeriens lebten dort schon vor der arabischen Eroberung Nordafrikas. Die persische jüdische Gemeinschaft führte ihre Ursprünge auf die Zeit von Kyros dem Großen zurück, der im Buch Jesaja als Werkzeug jüdischer Befreiung genannt wird. Die Juden Ägyptens waren alt. Die Juden Syriens waren alt. Das waren keine verpflanzten Völker. Es waren verwurzelte, mit heiligen Texten, lebendigen Sprachen und ungebrochener gemeinschaftlicher Erinnerung, die bis in die frühesten Kapitel der jüdischen Geschichte zurückreichte.

1948 lebten 135.000 Juden im Irak. 265.000 in Marokko. 140.000 in Algerien. 105.000 in Tunesien. 100.000 in Ägypten. 60.000 im Jemen. 38.000 in Libyen. 30.000 in Syrien.

Heute gibt es im Irak weniger als zehn Juden. Weniger als zehn im Jemen. Weniger als zehn in Libyen.


Das Ende jeder Gemeinschaft hatte seine eigene Ausprägung, aber das Muster war überall dasselbe.

In Bagdad begann der Zerfall am jüdischen Feiertag Schawuot im Juni 1941. Der nationalsozialistische Einfluss hatte den Irak über den deutschen Botschafter Fritz Grobba erreicht, der antisemitische Zeitungen finanzierte, eine Jugendbewegung nach dem Vorbild der Hitlerjugend unterstützte und eine achsenfreundliche Offiziersklasse förderte. Als eine kurzlebige Pro-Nazi-Regierung zusammenbrach und britische Truppen sich der Stadt näherten, gingen die Mobs auf die Straße. Im Verlauf von zwei Tagen wurden etwa 180 Juden getötet, hunderte verletzt und vergewaltigt und 1.500 Häuser und Geschäfte geplündert und zerstört. Das Pogrom heißt Farhud. Es wird in Schulen nicht gelehrt. Ein Jahrzehnt später kriminalisierte der Irak den Zionismus, beschlagnahmte jüdisches Eigentum, entzog Juden die Staatsbürgerschaft und schuf die Bedingungen, unter denen 120.000 Juden in der Operation Esra und Nehemia in Flugzeuge nach Israel stiegen und das Land verließen, in dem der Talmud geschrieben worden war.

In Ägypten wartete die Regierung Nasser bis zur Suezkrise von 1956. Dann ertönte der Aufruf aus den Moscheen. Zionisten. Feinde des Staates. Ein Koffer. Formular unterschreiben. Gehen. Von 1948 bis in die späten 1960er-Jahre flohen mehr als 80 Prozent der ägyptischen Juden, die meisten nach Israel, einige nach Frankreich und in die Amerikas, alle in ein Leben, das aus dem Nichts in einem Land neu aufgebaut wurde, das nicht ihres war.

Im Jemen brachen Ende November 1947 judenfeindliche Ausschreitungen aus, ausgelöst durch Proteste gegen den UNO-Teilungsplan. Im Verlauf von drei Tagen wurden mehr als 80 Juden getötet, mehr als 100 jüdische Geschäfte geplündert, Synagogen niedergebrannt. 1949 und 1950 wurden in einer Operation, die die israelische Regierung „Auf Adlerflügeln“ nannte, fast 49.000 jemenitische Juden nach Israel ausgeflogen. Viele waren tagelang durch die Wüste gelaufen, um die Landebahn zu erreichen. Sie kamen mit fast nichts an. Sie brachten ihre Thorarollen mit.

In Libyen waren Juden über zweitausend Jahre lang präsent, ihre Wurzeln in der Region reichen bis vor die Zerstörung des Zweiten Tempels zurück. 1945 wurden bei arabisch-nationalistischen Ausschreitungen mehr als 140 von ihnen getötet und hunderte ihrer Häuser zerstört. Ein weiteres Pogrom 1948. Mehr Tote. Weitere verbrannte Häuser. Als Gaddafi 1969 an die Macht kam, konfiszierte er per Gesetz sämtliches noch vorhandenes jüdisches Eigentum. 1970 erklärte die Regierung Libyen für judenrein. Zweitausend Jahre jüdischer Präsenz, beendet mit einem Erlass.

Dasselbe Muster spielte sich in Marokko, Algerien, Tunesien, Syrien, dem Libanon und dem Iran ab. Manchmal durch Mob-Gewalt. Manchmal durch bürokratische Erstickung. Eigentumsgesetze, die muslimische Geschäftspartner verlangten. Zurückgehaltene Pässe. Aberkannte Staatsbürgerschaft. Eingefrorene Bankkonten. Die jüdischen Gemeinschaften der arabischen Welt wurden über drei Jahrzehnte hinweg durch eine Kombination aus Verfolgung, Verarmung und regelmäßiges Blutvergießen ausgelöscht, bis mehr als 99 Prozent verschwunden waren. Das Land, das den Geflohenen weggenommen wurde, beläuft sich auf gut 100.000 Quadratkilometer. Fünfmal so groß wie Israel 1948. Die Eigentumsverluste, dokumentiert in 22 Archiven und dem UNO-Menschenrechtsrat vorgelegt, werden heute auf 263 Milliarden Dollar geschätzt.

Es gibt keine UNO-Behörde für diese Flüchtlinge. Keinen jährlichen Gedenktag, der von der Vollversammlung anerkannt wird. Keinen Sonderberichterstatter. Keinen internationalen Fonds. Keine dauerhaft über Generationen erhaltene Flüchtlingsbevölkerung als politisches Instrument. Das Wort Nakba wird nicht auf sie angewandt, obwohl nach jedem Maßstab das, was fast einer Million Juden in der arabischen Welt widerfuhr, eine größere, vollständigere und absichtlicher herbeigeführte Vertreibung war als der palästinensische Exodus, auf den dieses Wort ausschließlich angewendet wird.

Das Schweigen ist kein Versehen. Versehen werden korrigiert, wenn man sie aufzeigt.


Die Menschen, die die Kolonialismus-These über Israel vertreten, sind im Allgemeinen nicht unwissend, was die  Mizrahi-Juden betrifft. Sie sind gebildet. Sie lesen. Sie wissen, dass Israel keine Monokultur ist. Das Problem ist nicht, dass ihnen Informationen fehlen. Das Problem ist, dass die Informationen dem Argument nicht dienen, also werden sie nicht verwendet.

Das koloniale Framing trägt das Gewicht. Entfernt man sie, bricht die gesamte ideologische Struktur zusammen. Erkennt man an, dass die Mehrheit der Israelis von Gemeinschaften abstammt, die aus arabischen Ländern vertrieben wurden, muss man auch anerkennen, dass arabische Staaten ethnische Säuberungen an ihren jüdischen Bevölkerungen durchführten. Erkennt man das an, kann man die saubere Gegenüberstellung von indigenen Arabern und kolonialen Europäern nicht aufrechterhalten. Erkennt man das an, dann fordern diejenigen, die die Abschaffung Israels als Akt der Dekolonisierung fordern, dass die Flüchtlinge arabischer ethnischer Säuberungen den einzigen Ort aufgeben, der sie aufgenommen hat.

Die Mizrahi-Juden verkomplizieren das Argument nicht. Sie beenden es.

Also lässt man sie verschwinden. Nicht durch eine Verschwörung. Sondern durch eine Gewohnheit selektiver Aufmerksamkeit, so konsequent und so bequem, dass sie wie eine Politik funktioniert. Sie sind die Menschen, die nicht existieren dürfen, damit das Argument zieht. Und größtenteils tun sie das in dem Diskurs, der bestimmt, wie die Welt über Israel spricht, nicht.

Die Löschung ist keine Unwissenheit. Es ist Instandhaltung.


Israel ist ein Land, dessen Bevölkerungsmehrheit von Juden abstammt, die aus der arabischen Welt vertrieben wurden. Diese Juden kamen aus Gemeinschaften, die dem Islam vorausgingen, die den Talmud auf babylonischem Boden schufen, die in den Bergen des Jemen eine uralte hebräische Liturgie bewahrten, die Teil des Gefüges von Kairo und Bagdad und Tripolis gewesen waren, länger als die meisten modernen Nationen existieren. Sie wurden durch arabischen Nationalismus enteignet, ihrer Staatsbürgerschaft und ihres Eigentums beraubt, in Flugzeuge und Durchgangslager gedrängt und in ein neues Land gebracht, das das einzige war, das sie aufnehmen wollte. Sie sind keine Kolonisatoren des Nahen Ostens. Sie sind seine vertriebenen Kinder, die zurückgekehrt sind.

Und diese arabischen Staaten tragen direkte Verantwortung für die demografische Realität, die sie dann jahrzehntelang verurteilten. Fast 900.000 Juden verließen den Irak, den Jemen, Ägypten, Libyen, Marokko, Algerien, Tunesien und Syrien, getrieben von Verfolgung, Pogromen und staatlich geförderter Enteignung. Einige gingen unter direktem Ausweisungsbefehl. Andere gingen, weil ihnen das Bleiben unmöglich gemacht worden war. Der Unterschied zählt weniger als das Ergebnis: Sie sind fort, ihr Eigentum wurde genommen und kein einziger arabischer Staat hat je angeboten sie zu behalten, sie zu schützen oder sie für das Genommene zu entschädigen. Etwa 650.000 gingen nach Israel, weil Israel das einzige Land war, das sie ohne Bedingungen aufnahm. Der Rest ging nach Frankreich und in die Amerikas. Sie vertrieben die Juden, schlossen alle Türen hinter ihnen und verurteilten dann den Ort, an dem diese Juden schließlich landeten. Die Bevölkerung, die die Kolonialismus-These als europäische Zumutung bezeichnet, wurde in ihrer Mehrheit von Flüchtlingen aufgebaut, die die arabische Welt selbst hervorgebracht hat. Die Anklage und ihre Ursache sind dieselben Menschen.

Der Konflikt hat konkurrierende Ansprüche. Sie verdienen eine ehrliche Aufarbeitung. Diese Aufarbeitung kann nicht beginnen, bevor nicht alle Menschen auf dem Tisch liegen.

Diejenigen, die die Kolonialismus-These über Israel aufgebaut haben, wussten all dies oder hätten es wissen müssen. Sie konstruierten das Argument trotzdem. Sie beriefen sich auf indigene Rechte, während sie die indigensten Juden der Erde auslöschten. Sie forderten historische Verantwortung, während sie den arabischen Staaten, die ihre jüdischen Bevölkerungen liquidierten und das gestohlene Eigentum behielten, völlige Straffreiheit gewährten. Sie bezeichneten Israel als europäisches Projekt, während sie die jemenitischen Juden ignorierten, die durch die Wüste liefen und Thorarollen trugen, um ein Flugzeug nach Tel Aviv zu erreichen.

Dieses Argument kann man nicht in gutem Glauben vertreten. Man kann es nur vertreten, indem man im Voraus entscheidet, dass bestimmte Menschen nicht zählen.

Die Mizrahi-Juden zählen. Sie waren da, als das Argument gegen sie aufgebaut wurde. Sie waren da, als die Welt beschloss, es nicht zu bemerken. Sie sind jetzt da, die Mehrheit der Menschen im jüdischen Staat, die vertriebenen Kinder der arabischen Welt, zu Hause. Keine These übersteht das. Nur die Entscheidung, weiter so zu tun, als gäbe es sie nicht.

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